Bruchstücke Nr. 4
“Frl. Rot, isch geh’ Klo, ja?”
“Paul, das ist falsch.”
“Häh?”
“Das heißt nicht <isch geh’ Klo>! Formulieren Sie das bitte noch einmal richtig!”
“Ey, Frl. Rot, echt jetzt?”
“Echt jetzt.”
“Sind mal übertrieben krass drauf.”
“…”
“Ok. Aber nur wegen Sie, ne?” [Holt tief Luft.]
“Frl. Rot, isch muss Klo!”
Laber!
Es ist Klausurzeit, der Deutsch-LK schreibt über Goethes “Werther”.
Kurz vor der Klausur habe ich auf die Rechtschreibduden hingewiesen, die auf dem Tisch neben dem Pult stehen. Jeder könne sich bei Bedarf einen Duden nehmen, habe ich erklärt.
Es ist erstaunlich ruhig. Alle sind konzentriert, niemand muss ermahnt werden. Traumhafte Bedingungen, das ist nicht in jeder Klasse so.
Nur Mathis tanzt ein wenig aus der Reihe. Das ist immer so, denn Mathis lässt sich sehr leicht ablenken. Er muss immer alles mitkriegen, was um ihn herum passiert und natürlich muss er immer einen Kommentar dazu abgeben. Klausuren sind für ihn eine echte Herausforderung, denn hier gilt es, ruhig und lange konzentriert zu sein, in diesem Fall sogar 180 Minuten am Stück.
Wenn jemand hustet ode raschelt, dreht er sich um, den Mund schon zu einem Spruch geöffnet. Gehe ich an ihm vorbei, sagt er: “Alles klar bei mir, Frl. Rot!”
Da ich mit der Klasse im Vorfeld vereinbart habe, dass wir ihn alle bei solchen Äußerungen ignorieren, wird ihm das schnell langweilig. Bis er einen neuen Weg gefunden hat: Er stellt mir Fragen.
“Frl. Rot, wie meinen Sie Aufgabe 1?”
“Äh, Frl. Rot, ich habe über den Rand geschrieben! Ist das schlimm?”
“Pffft, Frl. Rot, kann ich mit dem anderen Kuli weiterschreiben? Der schwarze ist leer, aber der hier ist blau.”
Auch bei der dritten Frage gehe ich zu ihm hin. Dieses Mal sage ich: “Mathis, ich antworte Ihnen nur noch bei Verständnis- oder Wortfragen. Bei allem anderen fragen Sie bitte nicht mehr.”
Die nächsten zehn Minuten bleibt es an der Mathis-Front still.
Dann fragt er: “Frl. Rot, darf ich eine Wortfrage stellen?” Das Wort “Wortfrage” betont er dabei besonders. Er grinst.
Ich halte meinen Zeigefinger an den Mund und deute auf die Duden.
Er stutzt. “Ey, die sind die ganze Zeit am Start gewesen? Laber!”
Ehrlich, zur nächsten Klausur bringe ich Panzertape mit. Laber!
Entspannung per Live-Stream
Gefunden bei Herrn Rau und sofort geklaut.![]()
Ich schaue ja gerne in die erleuchteten Fenster von anderen Menschen (beim Spazierengehen, versteht sich). Diese Familie hier ist häufig zu Hause und scheut auch die Kamera nicht.
Seitdem ich es entdeckt habe, könnte ich stundenlang zusehen. Unbedingt den Ton anschalten. Aber nicht allzu laut, denn manchmal wird es sehr schrill.
http://pontu.eenet.ee/player/kalakotkas.html
Ich bin dann mal wieder weg, der Familie zuschauen.
Edit: Es gibt noch ein zweites Nest: http://pontu.eenet.ee/player/kalakotkas2.html
Hausaufgaben
Montagmorgen, große Pause.
Ich habe Aufsicht in der fünften Etage.
Das ist normalerweise eine recht ruhige Aufsicht, weil sich hier oben die PC-Räume befinden und sich hier entsprechend nur wenige Klassen gleichzeitig aufhalten. Außerdem sind hier sind auch keine Toiletten, auf denen man heimlich rauchen kann. Am schlimmsten: Hier oben hat man den schlechtesten Handyempfang in der ganzen Schule. Kurzum: Die fünfte Etage ist für unsere Schüler uninteressant.
Heute sieht das aber anders aus. Überall sitzen Schüler auf dem Boden und schreiben hektisch in ihre Hefte.
“Was ist denn hier los?”, frage ich Hauke aus der 12, der mir am nächsten sitzt.
“Ey, Frl. Rot, wir müssen das echt noch machen, ist übertrieben wichtig!” Er schaut noch nicht einmal auf.
“Ja, was denn, Hauke?”
Mit den Worten “Keine Zeit, keine Zeit…!” rückt er ein wenig von mir weg.
“Herrschaften, kann mir mal jemand sagen, was Sie hier machen?” Einige blicken auf, von der Mehrheit werde ich ignoriert. Erst als ich meinen rechten Fuß drohend über eins der Hefte halte und so tue, als ob ich drauftreten werde, werde ich beachtet.
“Der Ganter, ne, also, ey, der hat uns übelst viel aufgegeben und wir haben das alle vergessen.”, meint Mara.
Hauke schnaubt: “Wissen Sie, der Ganter”… er unterbricht sich, als er meinen Blick sieht, …”äh, der Herr Ganter merkt, wenn wir von einem abschreiben. Also müssen wir das jetzt selbst machen. Voll übertrieben, echt jetzt.”
“Und deswegen machen Sie das jetzt in der Pause? Hausaufgaben macht man zu Hause.”
Hauke schaut mich fast schon mitleidig an: “Frl. Rot, ich erkläre Ihnen mal den Begriff Hausaufgabe. Hausaufgabe bedeutet, man soll die Hausaufgabe in einem Haus machen. Da steht nichts von meinem Haus. Ich bin in der Schule in einem Haus, also kann ich die auch hier machen. Alles paletti?”
Betreuungsproblem
“Franka, sagen Sie mal, warum kommen Sie eigentlich nie zum Unterricht, wenn wir zur ersten Stunde haben? Das fällt schon auf, vor allem, weil Sie in den Stunden danach immer anwesend sind.” Ich schaue Franka an, die mir auf dem Flur gegenübersitzt. Es ist mal wieder Zeit für die Quartalsnoten.
“Ja, wissen Sie, Frl. Rot, eigentlich bin ich nur immer zu spät. Aber ich will dann nicht stören und komme nicht mehr in den Raum.”
“Das ist aber keine gute Idee”, antworte ich, “dadurch haben Sie massiv unentschuldigte Fehlstunden aufgebaut.”
Frankas Augen werden feucht. “Aber was soll ich denn machen? Ich habe einen 10-Monatigen zu Hause. Und wenn Paul Mist baut, muss ich doch alles noch aufräumen, das kann ich ja nicht so lassen.”
Franka hat ein Kind? Das habe ich gar nicht mitbekommen. Außerdem kann nicht ganz folgen. “Was meinen Sie mit >baut Mist<?”
Sie schnieft einmal laut, dann erklärt sie: “Ja, heute Morgen z.B. hat Paul den Tisch abgeräumt und alles runtergeworfen. Das kann ich dann ja nicht so lassen. Und dann komme ich zu spät. Ich will ja pünktlich zur Schule kommen, aber das geht dann nicht.”
“Aber was ist denn mit Ihrem Freund oder Ihren Eltern? Können die das dann nicht machen?”
Sie schnaubt: “Mein Freund sagt, das war nicht seine Entscheidung. Er wollte das nicht und deswegen kümmert er sich nicht drum. Und meine Eltern wollen damit nichts zu tun haben, die meinen, ich wäre zu jung. Ich fühle mich echt alleine gelassen.”
Ich versuche, meine ersten Impulse zu unterdrücken und frage: “Wie machen Sie das denn, wenn sie zur Schule gehen? Wer passt dann auf Paul auf?”
“Na, das ist doch einfach. Ich sperre den Paul dann im Schlafzimmer ein.”
Jetzt kann ich doch nicht mehr an mich halten: “Sie sperren Paul ein? Sie können ein Kind doch nicht einsperren!”
Sie schaut mich verwundert an.
“Wieso Kind? Paul ist ein Hund.”
Trinkspiel
Man benötigt: Schnapsglas (=Pinnchen), bevorzugte Spirituose, Klausuren
Trinke* immer dann ein Pinnchen, wenn
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jemand die Quellenangabe vergessen hat.
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kein Name auf der Klausur steht.
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statt eines Heftes doch nur wieder eine Loseblatt-Sammlung abgegeben wurde.
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auf der Loseblattsammlung die Seitenzahlen fehlen.
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die Ergänzungen (“Sternchen”) nicht lesbar sind, an falscher Stelle stehen oder im Klausurtext angekündigt sind, aber fehlen.
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der Prüfling so nett war, hinter einen nicht verständlichen Satz “Sie wissen schon was ich meine” geschrieben hat.
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“Sie/sie” und “Ihre/ihre” verwechselt wurden.
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der Einleitungssatz mit “In dem Text handelt es sich um…” beginnt.
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die Aufgaben 1, 2 und 3 in einer Aufgabe bearbeitet wurden.
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in der Inhaltsangabe die Zeitformen verwechselt wurden.
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die Arbeit aus mehr Smileys als Wörtern besteht.
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die wichtigsten Sachen in der Arbeit mit einem Leuchtstift markiert und noch unterstrichen wurden.
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die Tintenkiller-Korrektur auf der Vorderseite leider Teile der Rückseite gelöscht hat.
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die Rechtschreibung mal wieder kreativ ist.
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die Arbeit keine Absätze aufweist.
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über den Rand geschrieben wurde.
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der Korrekturrand vergessen wurde.
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die Aufgabenstellung nicht beachtet wurde.
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Fachbegriffe fehlen.
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kein Konjunktiv benutzt wurde.
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Zitierregeln offenbar unbekannt sind.
- eine Klausur 20 Punkte von dieser Liste erfüllt.
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Du selbst beginnst, die Rechtschreibfehler zu übernehmen.
*natürlich nicht ganz ernst gemeint
Hol’ das Stöckchen!
Neulich flog ein Stöckchen mitten auf meine Baustelle. Da liegt es nun seit einiger Zeit und da auf Baustellen eine gewisse Ordnung herrscht, hebe ich es nun auf und werfe es dann auch brav weiter.
Das erinnert mich übrigens an diese schrecklichen Kettenbriefe… Da ein bisschen Aberglauben nicht schadet und ich nicht will, das mir die Decke, der Blumenkasten, der Dachziegel oder der Himmel auf den Kopf fällt, mache ich mit.
Die Regeln sind folgende:
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Nenne den Stöckchenwerfer.
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Beantworte die elf Fragen des Stöckchenwerfers.
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Erzähle elf Dinge über dich.
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Entwirf elf Fragen, die der nächste beantworten soll.
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Wirf das Stöckchen an den nächsten Blogger.
Hmmpf.
Aufgabe 1: Nenne den Stöckchenwerfer.
Das Stöckchen kommt vom Waldschrat (oder Waldschrätin, so genau weiß ich das nicht) und der/die hat es vom Halbtagsblog. Den Rest kopiere ich, ich bin zu faul, um mir da noch was Neues auszudenken. Der Jan Martin hat es von Embee, einem Lehrerblogger. Der hat es von Ingo. Und der von Herrn Rau. Und der von ixsi. Und sie hat es aus Bielefeld. Davor war es bei Herrn Jemineh, der es wiederum vonFrau LA² hat. Zu ihr kommt es von dort und davor von hier, davor hier und davor hier.
Aufgabe 2: Beantworte die elf Fragen des Stöckchenwerfers.
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Ihr habt mich neugierig gemacht: Erzähl die Geschichte von dir und Jan-Martin! Da reicht der Platz nicht aus. Soviel sei gesagt:
Jan und ich haben uns bei einer ziemlich langweiligen Lehrerfortbildung kennengelernt. Ehrlich gesagt war das Einzige, was ich von ihm zwischen „kompetenzorientiertem Unterricht“ und „outputorientierten Methoden“ überhaupt wahrgenommen habe, die ewige Fummelei an seinem Handy. Zu allem Überfluss kippte er mir mittags ein Glas Karottensaft über das weiße Shirt. Kurz gesagt: Ich fand ihn doof. Abends gab es vom Fortbildungsträger aus eine Mottoparty. Yeah. Solche Abende sind unfassbar
langweiligspannend. Ich habe nichts erwartet und alles bekommen: Er war der erotischste Klingone, den ich je gesehen habe. Wir haben ein hübsches Paar abgegeben: Der stattliche Klingone und die, nun ja, interessant gekleidete Betazoidin im Stile einer Lwaxana Troi. Nach der Fortbildung flogen dann die Nachrichten hin und her. Wir spielten abends gemeinsam virtuell Bingo, weil wir ja beide keine Freunde zum Weggehen hatten. Auf einer Star Trek Convention kamen wir uns dann endlich näher. Rosen, Gagh, ein alter Film. Es war zu schön, um wahr zu sein. Leider stellten wir dann fest, dass wir im Alltag nicht zueinander passen. Er mag DS9, ich TNG. Ich bin im Alltag mehr eine Lorelai Gilmore als eine Lwaxana Troi und er entpuppte sich als Ferengi. Ich rätsle immer noch, wie er Ohren und Körpergröße verbergen konnte. Abgesehen davon, dass er alle Erwerbsregeln der Ferengi auswendig kann (schätzungsweise 300) und daraus irgendwann eine Lerntheke machen will, unterstützt er auch den „Verein für Sammler von Zweitausgaben, weil das Geld für Erstausgaben nicht reicht.“ Ich hingegen bin Mitglied bei „Anonyme Sammler von roten Stiften“. Außerdem habe ich eine Laminier-Allergie (Lerntheken!) und ich bin besser im 3D-Schach als er. Das konnte auf Dauer nicht gut gehen und dann war da auch ja Luke, der mich morgens immer mit Kaffee versorgte. Auf die Reinigung des Shirts warte ich übrigens immer noch. -
Deine erste Tasse am morgen: Tee oder Kaffee? Kaffee.
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Was würdest du mit deiner ersten Million machen? Oh, mit meiner ersten?
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Facebook oder Twitter? Twitter.
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Buch, Musik oder Film? Buch, Buch, Buch.
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Wenn du etwas erfinden könntest, was wäre es? Sich selbst korrigierende Klausuren.
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Wie stehst du zu Vorurteilen gegenüber Vegetariern oder Veganern? Egal. Hauptsache, die lassen mich in Ruhe.
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Was hältst du von TV-Formaten wie den Bachelor oder Germanys Next Topmodel? Nichts.
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Was bist du heute? Müde.
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Welches Buch hast du als letztes gelesen? Die Frage muss lauten: Welche Bücher hast Du als letztes gelesen? Ich lese immer mehrere Bücher gleichzeitig.
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Bis(s) zum Morgengrauen oder Bis zum Abwinken? Bis(s) zum Morgengrauen. Als Hörbuch, da sind die glitzernden Vampire leichter zu ertragen.
Aufgabe 3: Erzähle elf Dinge über dich.
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Ich bin gerne Lehrerin.
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Ich erwische bei grätenlosen Fischen garantiert immer ein Stück mit vielen Gräten.
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Meine Füße sind auch im Hochsommer eiskalt.
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Ich mag die holländische Sprache (Let op! Drempels. Großartig.)
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Ich verbringe Wochenenden lieber mit Will Riker oder Lorelai Gilmore als mit Klausuren.
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Ich war vor der Reform extrem sicher in der Rechtschreibung.
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Glitzernde Vampire finde ich albern, aber die Geschichte für sich genommen ist großartig.
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Ich mag Doris Day-Filme. (Rock Hudson!)
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Ich lasse Bücher gerne frei.
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Ich mag keine ungeraden Zahlen, deswegen entfällt die
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Aufgabe 4: Entwirf elf Fragen, die der nächste beantworten soll.
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Die Helden Deiner Kindheit?
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Was schiebst Du immer wieder auf?
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Wenn Du eine Sache an Dir ändern könnte, was wäre das?
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Welcher Spruch Deiner Oma oder Mutter hat sich bewahrheitet?
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Du kannst nicht ohne…?
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Fußball oder Eiskunstlauf?
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Deine Lieblingsblume ist…?
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Wenn Du auf eine einsame Insel fliegen würdest, was müsste unbedingt mit?
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Wovor hast Du die größte Angst?
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Würdest Du gerne mal in einem Kinofilm mitspielen?
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Welche Frage würdest Du Dir selber stellen?
Aufgabe 5: Wirf das Stöckchen an den nächsten Blogger.
Ich werfe das Stöckchen vor die Weh’sche Haustür. Ich schätze Frau Weh sehr und hoffe, dass sie Zeit finden wird. Außerdem finde ich, dass die Grundschulblogs zu Unrecht vernachlässigte Stiefkinder sind.
Ich bin jung, ich brauch die Punkte!
“Boah, ey, Frl. Rot! Sie kommen übertrieben zu spät!”, mault mich Michel aus der 12a an. Ich bleibe vor der Tür des Klassenraumes stehen und schaue auf die Uhr: Noch zehn Minuten Pause. “Bitte?” “Wir müssen doch noch Tische umräumen, ey. Und Plätze aussuchen.”
Mit einem “Die letzte Reihe wird nicht besetzt!” schließe ich den Raum auf und springe förmlich zur Seite. Das ist dringend notwendig, denn ansonsten würde mich der wegen der Klausur aufgeregte Menschenstrom platt machen. Da kennen die gar nichts, es wird gerempelt, geschubst und gedrängelt. Von der strategischen Positionierung hängt schließlich die Klausurnote ab. Alles drängelt sich nach hinten, bloß weit weg vom Pult. Natürlich haben sie mir nicht zugehört, denn viele murmeln Eriksons und Piagets Stufenbezeichnungen vor sich hin. Was man sich in den 15 Minuten vor der Klausur in den Kopf gebimst hat, darf nicht verloren gehen.
Ich mache ihnen einen Stricht durch die Rechnung. “Die letzte Reihe gehört mir, Herrschaften!” Erstaunlicherweise gibt es keinen Protest, nur die in der vermeintlich ersten Reihe feixen und fühlen sich (noch) sicher. Auch die Handysammlung geht reibungslos über die Bühne, 19 Handys werden auf meinen Tisch gelegt. Der Rest geht auf Risiko. “Haben Sie die Handys ausgemacht?” Kopfschütteln. “Wenn die Dinger hier gleich brummen, gibt’s Ärger!”, prophezeie ich. “Aber, hab ich Pin vergessen”, meint Irem. “Dann schalten Sie das auf Flugmodus.” “Echt, geht? Krass.”
Ich teile die Klausuraufgaben aus: Nachdem alle umdrehen dürfen, ertönen die ersten “Scheiße”, “NEIN!”, voll viel”. Michel kriegt sich gar nicht mehr ein. “Scheiße, scheiße. Die erste Aufgabe, scheiße.” Er schaut Rocko an, der nickt zustimmend. “Ey, is gar nicht nur runterschreiben. Steht ‘inwiefern…geht darüber hinaus’…! Kacke, ey. Müssen wir drüber nachdenken. Scheiße, ich schwör.”
Celine dreht sich um und sagt: “Kann ich jetzt schon abgeben? Kann ich nicht.” Ich gehe zu ihr und bemühe mich, sie darin zu bestärken, es wenigstens zu versuchen.” Nach der Klausur werde ich in ihrem Heft zu Aufgabe 1 folgendes lesen: “Die kann ich nicht, weil sie die nicht beigebracht bekommen!” Ich vermute, der Stoff kam dran, als sie mal wieder nicht anwesend war.
Michel hat derweil sein “scheiße, scheiße, scheiße” eingestellt, denn er liegt mit dem Kopf auf dem Tisch und wird die nächsten 60 Minuten fest schlafen.
Die ersten Spicker-Toilettengänge beginnen nach zehn Minuten und werden bis zum Klausurende nicht aufhören.
Obwohl ich vor der Klausur auf den Korrekturrand hingewiesen habe, beginnt nach einer Stunde die “Oh-ich-hab-den-Rand-vergessen”-Pilgerreise an meinen Tisch. “Frl. Rot, ich hab’s vergessen. Schlimm?” “Was mache ich jetzt?” Irgendwann wird es mir zu bunt und ich mache eine Ansage für alle: “Bitte denken Sie an den Rand. Wenn Sie bis jetzt keinen gelassen haben: Dann auf der nächsten Seite damit beginnen.” “NEIN!”, tönt es in bester Homer Simpson Manier, gefolgt von einem “Ratsch, ratsch”. Fynn-Luca hat mal eben vier Seiten zerrissen. “Was machen Sie denn da?”, frage ich ihn leise. “Ich Spast, ich hab Rand vergessen.” “Aber, ich habe doch gesagt, dann lassen sie den Rand auf der nächsten Seite. Sie hätten das nicht zerreißen müssen.” “Pfft, dann klebe ich das wieder zusammen.” Ich denke, er macht Witze, aber am Ende erhalte ich eine Loseblattsammlung, bei der einige Blätter mit Tesafilm geflickt sind.
In der Pause werde ich kurz vom Mathelehrer abgelöst. Panik macht sich breit. “Aaahhh, wo gehen Sie denn hin?” “Keine Sorge, ich komme wieder.”
Als ich fünf Minuten später wiederkomme prasseln Fragen auf mich nieder.
“Stichpunkte reichen doch?” (Auf dem Klausurblatt steht: Bitte im Fließtext.)
“Darf ich mit Kuli weiterschreiben?” “Klar, da brauchen Sie doch nicht fragen.” “Hat aber andere Farbe als Füller.”
“Ey, da stehen ja a) bis e) Aufgaben. Muss ich die alleine machen oder in einem Text? Oder die Fragen beantworten?”
“Versteh ich nicht. Können Sie mir sagen?” “Wenn ich Ihnen das sage, kennen Sie die Lösung.” “Eben.”
“Frl, Rot, biiittteee!” “Mariam, das steht da doch!” “Oh, hab ich nich gelesen!”
“Frl. Rot, wie wird ‘Repertoire’ geschrieben?” Ich buchstabiere mehrfach “R-e-p-e-r-t-o-i-r-e.” Im Heft wird stehen: Rebertöre.
Obwohl ich in der Stunde vorher den Schwerpunkt der Klausur genannt habe, hat Esra bei der Abgabe ihrer Klausur was zu meckern. “Sie haben so mies gemacht, schwör ich vallah, ich hab andere gelernt.”
Celine gibt ebenfalls ab: “Frl. Rot, habe ich extra neues Nageldesign für Klausur gemacht, passt zum Stift.” Vielleicht hätte sie die Zeit mal zum Lernen nutzen sollen.
Der Raum leert sich. Ich kann erkennen, dass Fynn-Luca und Mia-Sophie füßeln. Da geht was, interessant.
Je näher die Abgabe rückt, desto öfter schlägt sich Franka mit der Hand auf die Stirn, stöhnt kurz auf und rollert dann hektisch mit der Tipp-Ex-Maus hin und her. Klatsch, ohhhh!, rollern. Klatsch, ohhhh!, rollern. Klatsch, ohhhh!, rollern. Das Geräusch der Tipp-Ex-Maus beginnt zu nerven.
Scarlett drückt mir ihr Heft in die Hand: “Ich hätte gerne eine 2+!”
Fynn-Luca ist der letzte, der die Klausur abgibt. “Ey, Frl. Rot. Ich hab Ihnen mal draufgeschrieben, wie viele Seiten, nee? Nich, dass Sie die verliern, haha.” “Wo ist denn Ihr Heft?”, frage ich. “Hab ich vergessen, was kann ich dafür?”
Im Lehrerzimmer schlage ich die Klausur von Michel auf. Die ersten Aufgaben fehlen, dafür hat er die freiwillige Zusatzaufgabe ausführlich beantwortet. Mir fällt eine handschriftliche Bemerkung zu dieser Aufgabe auf. Sie ist mehrfach eingekreist und mit Textmarker hervorgehoben. Über einem dicken Hinweispfeil steht: “Ich bin jung und brauch die Punkte!”
Und in Cheyennes Klausur lese ich bereits auf der ersten Seite Worte wie “Pupärtäht”, “Schtadiom”, “Stahdion”, haubtsechlisch”, “Genytahlin”.
Ich will gar nicht wissen, wie es weitergeht. Schwör ich, vallah!
Herr Bühle und der Erdkunde-Raum
RUMMS!
Die Tür des Erdkunderaums wird aufgerissen und laut quatschend betritt Herr Bühle das Zimmer. Kurz vor dem Pult bleibt er abrupt stehen und merkt, dass noch andere Menschen im Raum sind. Menschen, die dort eigentlich nicht hingehören. Die Erdkunde-Klausur der 12a findet nämlich im Erdkunderaum statt, weil die Klasse in der Doppelstunde vorher hier planmäßig Unterricht hat. Jetzt hätte die 12a EW, aber die Klausur ist mehrstündig und reicht in meinen Unterricht hinein.
“Was machst Du denn hier?”, fragt er mit leicht aggressivem Unterton. “Na, siehst Du doch: Klausuraufsicht!”, flüstere ich und zeige auf den Kurs. Die ersten werden unruhig und man hört das ein oder andere “psst”.
“Na, das sehe ich. Aber warum bist Du hier? Das ist m e i n Raum.” Er spricht in normaler Zimmerlautstärke und betont das “mein” überdeutlich.
“Ach weißt Du, Herr Bühle, da musst Du den Klausurplaner fragen. Steht so auf dem Plan.” Ich flüstere wieder.
“Aber das ist mein Raum!” Er beginnt, sich aufzuregen.
Fynn-Luca geht es ebenso: “Ey, Sie! Wir schreiben hier übelst übertriebene Klausur, voll schwer. Gibt’s bei Ihnen auch in mute?”
Herr Bühle guckt entgeistert. Dann atmet er tief ein und will er lospoltern: “ALSO…” Weiter kommt er nicht, denn ich unterbreche ihn. “Hör mal”, ich senke meine Stimme, “schau doch einfach auf den Plan, da steht der Ersatzraum.”
Aus allen Ecken erklingen nun “psts” und “schts” und wenn Blicke töten könnten, wäre Herr Bühle dutzendmal gestorben. Elendig krepiert vermutlich, denn die Blicke sehen nicht nach sanftem Einschlafen aus.
Ich bugsiere Herrn Bühle aus dem Raum. Die Klasse ist unruhig, die Schüler sind über die Störung verärgert. Gerade, als sich alle wieder abgeregt haben und es im Raum wieder ruhig wird, geht der Krach vor der Tür weiter. Laute Stimmen klingen durcheinander. Fynn-Luca bittet, “Frl. Rot, können Sie nicht was sagen?” “Ach, warten wir doch einfach noch kurz, ok? Die gehen bestimmt weg.” Tun sie aber nicht. Auch noch Minuten später ist das Gequatsche deutlich zu hören.
“Ey, Frl. Rot, wenn Sie das nicht machen, mach ich das.” Fynn-Luca ist in Rage. “Ich brauch die Punkte, ich schwör, sonst verkack ich 12.”
“Ja, machen Sie mal. Ich kann ja den Raum nicht verlassen.”
Mit den Worten “Ey, ich schwör, das klatscht gleich!” öffnet Fynn-Luca die Tür. “Hey, könnt Ihr mal leiser sein? Wir schreiben hier ne Klausur, voll porno!”
Die Schüler vor der Tür verstummen.
Nur Herr Bühle hat noch was zu sagen. “Was willst Du denn? Die können so viel reden, wie sie wollen! DENN DAS IST M E I N RAUM!”
Erkenntnisse des Tages
1. Nur weil auf dem Vertretungsplan als Druckdatum “heute” steht, heißt das nicht, dass der Plan auch von heute, also aktuell ist.
2. Traue niemals dem Klausurplan. Er ist falsch. Irgendwas hat sich immer geändert.
3. Das Mitbringen einer Familienpackung Taschentücher ist auch in der Klausur der 13er immer noch notwendig – Schüler haben in Klausuren niemals welche dabei. Und wer will schon 180 Minuten “schnief” und “rotz” hören?
4. Wenn Du meinst, Du hast was Zuhause vergessen – stimmt.
5. Gehe niemals in der zweiten Pause hinter/mit Kollegen auf die Toilette, die Du vor Unterrichtsbeginn Bläh-Gemüse hast essen sehen.
6. Niemals, wirklich niemals während einer vierstündigen Klausuraufsicht ohne Ablöse leckeren Kräutertee trinken, der sich dann als “Fastentee” mit 30% Brennnesselextrakt entpuppt.
7. In diesem Lehrerleben werde ich Schülern wohl nicht mehr beibringen, wie man eine vernünftige E-Mail schreibt. “Sehr geehrtes Frl. Rot! Ich gebe hiermit bekannt, dass ich gestern nicht da war. Sorry. MfG, funkyhotbomb94”.
Bulimie-Lernen und Geschwätz
Um es kurz zu machen: Es wurden mir genau null E-Mails geschickt. NULL. Keine E-Mails mit “sorry, verspätetet”, “konnte ich nicht machen”, “hab ich nicht verstanden”, mit “echt, sollten wir schicken, hab ich grad erst gecheckt” oder mit “kann ich noch nachreichen?”. NULL. NADA. NIENTE.
Wir erinnern uns: Wir sind in der 12a. Die Abgabe der Probeklausur konnte auf keinen Fall bis Montag warten. Das sei schließlich viel zu kurz, um meine Anmerkungen noch in die Lernroutine für die eine Woche später stattfindende Klausur einzubauen. Zitat: “Das ist aber ein bisschen spät für uns, weil ja Klausur und so. Wir müssen ja auch lernen.”
Als ich heute morgen in mein Fach schaue, erwarte ich fast, dass es vor Zetteln überquillt. Das tut es auch. Sind aber nur Atteste. Auch hier: Keine einzige Ausarbeitung.
In der Klasse werde ich mit einem vielstimmigen “Musterlösung? Musterlösung!” begrüßt.
“Ihnen auch einen schönen guten Morgen!”
“Morgen”, “hallo”, “oh, schon da”, “kann ich noch abbeißen?”, “ich muss noch mal aufs Klo!” Echt, manchmal wünsche ich mir, ich würde in der Grundschule unterrichten. Da müssten dann alle erst einmal aufstehen, wenn ich den Klassenraum betrete, dann würde ich “Guten Morgen” sagen und alle würden im Chor “Guten Morgen, Frl. Rot” antworten. Ist ja auch ein viel netterer Beginn der Stunde, dann wissen alle, die Lehrerin ist da, es geht jetzt los. Ich habe mal versucht, das in der Sek. II wieder einzuführen und bin kläglich gescheitert. Aber das ist eine andere Geschichte.
“Musterlösung? Sie haben mir doch nichts gemailt und im Fach lag auch nichts. Ich schließe daraus, dass Sie die Aufgabe nicht gemacht haben. Also gibt es auch keine Musterlösung. So einfach mache ich Ihnen das nicht.”
Fynn-Luca starrt mich an. “Echt, wir konnten das mailen? Wusste ich nicht.”
“Fynn-Luca”, erwidere ich, “Sie waren das doch, der gesagt hat, ich müsste die Ausarbeitungen am Wochenende korrigieren, weil Sie sonst nicht genug Zeit hätten.”
“Echt?”
“Echt!”
“Ach, Frl. Rot, was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?” Er grinst mich an. “Krieg ich Musterlösung?”
“Nein. Die bekommen Sie erst, wenn Sie mir die Ausarbeitungen geben.”
“Hab ich nicht. Ging nicht.”
“Warum?
“Ey, Frl. Rot. Echt jetzt. Freitag ist Geschichte dran. Wissen Sie doch, auch LK. Da muss ich jetzt echt mal anfangen übertrieben zu lernen, sonst verkack’ ich das.”
“Ahh, Bulimie-Lernen?”, frage ich.
“Häh?”
Ich erkläre: “Na, so sechs bis acht Stunden vor der Klausur alles an Stoff in sich reinstopfen, dann bei der Klausur auskotzen und danach vergessen.”
Fynn-Luca reckt mir beide Daumen entgegen: “Krass, ey, Sie haben’s gecheckt! Also, Musterlösung? Sie haben das gesagt!”
Ich schaue mich in der Klasse um. Erwartungsvolle Gesichtchen schauen mich an. Dann denke ich an die null Einsendungen.
“Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?”
Pausengespräch
Endlich Pause!
Auf dem Weg vom Klassenraum zum Lehrerzimmer komme ich an einer Mädchengruppe vorbei.
Esma, Lina, Irem und Gabriela aus der 12a sitzen auf den Fensterbänken und tuscheln. Esma hält ein Buch in den Händen.
“Ey, was haben wir jetzt?”, fragt Lina. “Boah, Deutsch beim Grabowski, ey, weißte doch, voll öde.”
“Scheiße, echt jetzt. Dann komm ich gar nicht mit den Buch weiter.”, mault Esma.
“Häh?” Irem versteht den Zusammenhang nicht.
“Weiste, bei mir Zuhause kann ich nicht konzertieren, sind immer übertrieben viele da. Die sind so laut, vallah!” Esma seufzt. “Und dann les ich weiter, wenn der Unterricht voll lahm ist.”
Gabriela kommt nicht mit: “Was hat das mit dem Grabowski zu tun?”
Esma regt sich auf. “Weißte, der ist im Unterricht immer so laut, dass ich nicht lesen kann. Ey, das Buch krieg ich nie fertig.”
Liebe Ärzte
Liebe Ärzte*),
habt Ihr sie eigentlich noch alle? Macht Ihr uns das Leben absichtlich schwer?
Es ist Dienstag, die Woche hat gerade erst begonnen und schon muss ich kämpfen. Mit Schülern, mit Eltern und mit Attesten! Alleine gestern und heute sind 22 Atteste/AUs in mein Fach gewandert.
Fall 1: Atteste/AUs, die von Sprechstundenhilfen (MFA) unterschrieben werden. Im Auftrag natürlich. Seit wann dürfen die denn Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen unterschreiben? Leider darf ich solche Atteste nicht anerkennen, denn die könnten ja gefälscht sein. Was tun? Genau. Bei der Praxis anrufen. Das ist Zusatzarbeit und nervt. Abgesehen davon, dass manche MFA wohl noch nie etwas von Datenschutz gehört haben. Da will man sich nur die Echtheit des Attestes bestätigen lassen (gibt’s diese MFA in der Praxis?) und die Dame am Telefon erzählt die ganze Krankengeschichte des Schülers.
Fall 2: Rückdatierungen. Ich erhalte Atteste, die von Mittwoch bis Dienstag die Unmöglichkeit des Schulbesuches attestieren. Ausgestellt am Dienstag. Fast eine Woche rückdatiert. Ich sage dem Schüler, dass ich das so nicht anerkennen kann. Habe der Schulleiter so gesagt. Der Schüler schickt seine Mutter. Der sage ich das auch. Die macht Theater. Ich rufe bei Krankenkasse und Ärztekammer an. Beide Stellen sind zunächst ratlos, bis die Krankenkasse zurückruft und mir einen Paragrafen nennt: Rückdatierung um maximal zwei Tage erlaubt, das auch nur in Ausnahmefällen. Da müsse schon die besondere Schwere der Krankheit festgestellt werden. Alles andere nicht. Die Mutter schaltet das Schulamt ein. Dem Schreiben nach werde ich nun aufgefordert, die Gesetzeslage zu klären. Was habe ich damit zu tun, wenn Ärzte einfach mal irgendwas auf diese besch*** AUs schreiben und sich nicht an Vorgaben halten?
Fall 3: Atteste per Fax. In einem Fall erhalte ich jeden zweiten Tag ein gefaxtes “Attest”. Der Text ist immer der Gleiche, nur das Datum wird handschriftlich geändert. Ein Original habe ich noch nie gesehen. Den Schüler darauf angesprochen, sagt der: “Och, mein Arzt meint, reicht doch so. Außerdem gehe ich da gar nicht hin, sondern rufe nur an und sage, dass es mir nicht gut geht. Der sagt, für so Lappalien brauche man nicht extra kommen. Die faxen das dann.” Ich beharre darauf, dass ich nur Originale akzeptieren kann. Drei Tage später klingelt das Telefon im Lehrerzimmer. “Frl. Rot, ist für Dich.” “Hallo, Frl. Rot hier.” “Sagen Sie mal, was bilden Sie sich eigentlich ein? Ich bin der Arzt und ich kann machen, was ich will!” “Wer ist denn da?” “Hier ist DR. (!) Mustermann, als ob Sie das nicht wüssten, Sie blöde Kuh.” Den Rest des Gespräches, in dem mir der Arzt übrigens das vom Schüler geschilderte Vorgehen bestätigt, kann man sich ja vorstellen.
Daneben erreichen mich auch Atteste ganz ohne Unterschrift. Ohne Datum, ohne Stempel/Briefkopf/Adresse. Manche sind einfach auf ein weißes Blatt Papier gekritzelt, andere sind so unlesbar, dass ich wieder nachfragen muss. Bei einigen erkennt man die Fälschung sofort.
Manch einer sagt vielleicht, stellt Euch nicht so an, ist ja nur Schule. Aber es geht hier um Fehlzeiten, Abmahnungen, Noten, Nachschreibeklausuren, manchmal auch um Versetzungen und Zeugnisse. Darum, die Schüler auf das Berufsleben vorzubereiten. Ich habe Schüler, die fehlen regelmäßig bei jeder Klausur. Bei jedem freiwillig übernommenen Referat. Wie soll ich denen Verantwortungsbewusstsein und Arbeitsmoral beibringen, wenn sie nur beim Arzt anrufen müssen, um aus der Pflicht genommen zu werden? Wenn es egal ist, wann sie dort auftauchen, denn das Attest gibt’s ja auch noch Wochen später?
Es wäre wirklich schön, wenn man mir meine Arbeit nicht noch zusätzlich erschweren würde.
*) Damit sind natürlich nicht alle Ärzte gemeint. Wahrscheinlich habe ich nur ein paar ausgewählte doofe Exemplare erwischt.
Edit: Weil nach dem Paragrafen gefragt wurde, hier der Wortlaut:
Aus den Richtlinien des Gemeinsamen Bundesausschusses über die Beurteilung der Arbeitsunfähigkeit und die Maßnahmen zur stufenweisen Wiedereingliederung (Arbeitsunfähigkeits-Richtlinien) in der Fassung vom 1. Dezember 2003, zuletzt geändert am 19. September 2006:
§ 5 Absatz 3
Die Arbeitsunfähigkeit soll für eine vor der ersten Inanspruchnahme des Arztes liegende Zeit grundsätzlich nicht bescheinigt werden. Eine Rückdatierung des Beginns der Arbeitsunfähigkeit auf einen vor dem Behandlungsbeginn liegenden Tag ist ebenso wie eine rückwirkende Bescheinigung über das Fortbestehen der Arbeitsunfähigkeit nur ausnahmsweise und nur nach gewissenhafter Prüfung und in der Regel nur bis zu zwei Tagen zulässig. Quelle
E-Mail für Dich
Ein kleiner Auszug dessen, was man am Wochenende so an E-Mails erhält:
S*): Hallo Frl. Rot, ich habe eine Frage, ich habe meinen Attest vom 10.9.-19.9.2012. Heißt dass das, ich morgen auch nicht zur Schule kommen darf? GLG! S.
Frl. Rot: Hallo S., wenn auf Ihrem Attest bei der Datumsangabe “einschließlich bis” steht, sind Sie auch morgen noch krankgeschrieben. Viele Grüße, Frl. Rot
S: Hallo Frl. Rot, ja so steht es. Also darf ich morgen trotzdem zur Schule weil, es mir besser geht? Sie sind Beste! GLG, S.
Frl. Rot: Liebe/r S., Sie sind krankgeschrieben. Wer krankgeschrieben ist, bleibt Zuhause. Viele Grüße und gute Besserung. Frl. Rot
S: Also wenns mir besser geht dann ja. Danke. GLG, S.
*) S=Schüler (aus der 12a)
Manöverkritik