Mein Handy, dein Handy, unser Handy.

Ich habe  Unterricht in der 12a. Mal wieder kassiere ich Handys ein. Bei manchen Schülern nicht nur eins, sondern drei.

Daraus ergibt sich am Ende der Stunde ein Gespräch über Handys, Handynutzung und Verträge.

“So, Marcel, hier haben Sie Ihre drei Handys wieder. Können Sie mir mal sagen, wozu Sie drei Handys brauchen?” Marcel hat ein iPhone, ein neues Samsung in der Größe eines Buches und ein ziemlich altes Nokia.

“Ach Frl. Rot, is doch voll endkrass easy. Das Nokia hat die sms-Flat, damit kann ich aber nich anrufen, zu teuer, wissen se? Das Samsung hat die Flat für Anrufe, damit kann ich aber nich simsen. Und das iPhone wollte ich haben, kann aber nich telefonieren und simsen. Und Internet auch nicht. Zu teuer.”

“Und was machen Sie dann mit dem iPhone, wenn Sie damit nicht telefonieren, simsen und ins Netz gehen?”, will ich wissen. “Na, is doch voll endgeiler MP3-Player!”

“Moment mal”, werfe ich ein, “haben Sie etwa für alle drei Handys Verträge abgeschlossen?” “Ja, klar”, meint er, “iPhone sonst zu teuer, ging nur mit Vertrag. Und Samsung auch. Und Nokia is ja alt, ey.”

“Ja, aber was bezahlen Sie denn dafür im Monat?” Er rechnet mir vor: “Also, iPhone kostet 64,95 im Monat, Samsung 49,95 und Nokia 25.” Ich überschlage im Kopf: “Das sind ja um die 140 € im Monat! Wovon bezahlen Sie das denn? Sind Ihre Eltern so großzügig?” “Marcel ist entsetzt, “W A S? So viel ist das?” Ich bin irritiert und frage nach: “Haben Sie das denn nie nachgerechnet?” “Nö”, ist die Antwort. “Und warum haben Sie ein Handy, mit dem Sie nicht telefonieren und simsen können?” “Ja, Mensch, ist doch iPhone. Muss man haben. Wollte andere Karte reinmachen, aber hat so doofes Sim-Lock, wusste ich nich. Freunde haben alle anderes Netz, ist zu teuer mit iPhone anrufen. Und sms auch.” Ich versuche es anders: “Aber für zehn Monate je 140 € kriegen Sie doch locker ein neues, simlockfreies iPhone.” “Sischer”, meint er, ” habe ich aber nich 140 Euros jeden Monat.”

Bevor ich nachfragen kann, wie er denn dann die Handyrechnungen bezahlt,  schaltet sich Irem ein: “Frl. Rot, wissen se, habe isch Brief von Vodabasetelekomfone bekommen. Hab isch offen 1300 €. Hat sisch Handy immer ins Internet gewählt, ohne dass isch wusste. Kann isch doch nix für.” Ich bin fassungslos, wie kann man das nicht mitkriegen? Informieren die sich nicht über ihre Handys?

Das ist wohl auch Faruks Thema, denn er sagt sonst nie etwas. “Ey, mein Vater hat auch Rechnung bekommen. 800 Euro. Wissen nisch, woher. Bezahlt er aber nisch.”

Und Irem ergänzt: “Vodabasetelekomfone is auch voll gemein. Hab isch iPhone nach ein Monat geklaut gekriegt. Geben mir kein neues. Muss aber weiter Rechnung bezahlen, dabei is iPhone doch weg!” “Haben Sie das Handy als gestohlen gemeldet, damit da niemand mit telefonieren kann?” “Echt, geht?”

Ich versuche es mit Aufklärung: “Wissen Sie denn, dass ein Handyvertrag ein Kreditvertrag ist, wenn Sie ein Handy darüber finanzieren?” “Echt, krass, nöö” schallt es mir entgegen. “Haben Sie schon mal was von der Schufa gehört?” “Ich weiß”, ruft Martin, “ist doch Schuhladen.” “Ooooh, bist Du doooooof. Is doch komisches Laden im Internet”, korrigiert Ayse.

Ich mache eine kleine Umfrage: Von 28 Schülern haben 28 einen teuren Handyvertrag, 20 davon mehr als einen. 25 haben keinen Nebenjob. Fast alle dieser Gruppe kümmert es nicht, dass sie die Rechnungen nicht bezahlen können. “Is egal, wenn ich nisch mehr telefonieren kann, geh ich zu anderen Laden und hole mir neues Handy.”

Ich bin fassungslos.

Einige merken offenbar, dass das nicht so gut ist, was sie da machen.

Stefan versucht es nochmal: “Aber, Frl. Rot, Sie haben doch auch iPhone.”

“Ja”, antworte ich, “da ist aber eine Prepaid-Karte drin.”

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12 responses to “Mein Handy, dein Handy, unser Handy.”

  1. Sabine says :

    The mind, it boggles.

    Habe ich das richtig verstanden, dass es sich bei diesen sicher sehr netten und originellen, aber doch erstaunlich in ihrer eigenen Welt lebenden jungen Menschen um eine gymnasiale Oberstufe handelt? Also, Leute, die eine Mittlere Reife haben?

  2. Martin Kurz says :

    Ja, das war auch meine erste Frage. Die 12a von Frl. Rot ist anscheinend sehr speziell. Ich persönlich glaube bald, dass es alle die Schülerinnen und Schüler von mir sind, denen ich als Realschullehrer abrate die gymnasiale Oberstufe zu besuchen, die es aber trotzdem tun.

    Solche Gespräche führe ich meist in der Realschule, etwa 9. Klasse. Dort haben sie aber zunächst ihren ersten Vertrag. In der Oberstufe steigert sich das. Die Lebensklugheit steigt nicht so schnell.

    • Frl. Rot says :

      Die 12a von Frl. Rot ist anscheinend sehr speziell.

      Das trifft zu. Die sind sehr speziell und extrem verhaltenskreativ.

      Allerdings muss man dazu sagen: Wir haben zwei Oberstufen. Die c/d-Klassen, die im Kurssystem geführt werden und die alle als Ziel die Allgemeine Hochschulreife haben, und die a/b-Klassen, deren Teilnehmer die Voraussetzungen fürs “Vollabi” nicht erfüllen, sich aber am Fachabitur versuchen dürfen.

      denen ich als Realschullehrer abrate die gymnasiale Oberstufe zu besuchen, die es aber trotzdem tun.

      Das machen wir auch. Hilft aber nicht viel, denn solange die Zensuren ausreichen, dürfen sie kommen.

  3. damianduchamps says :

    So krass läuft das an meiner kleinen ländlichen Hauptschule zum Glück noch nicht. Da floriert zwar der Handel mit gebrauchten Smartphones doch die Mehrheit hat kein richtiges Smartphone und Verträge haben auch nur wenige. Die meisten nutzen Prepaid Karten. Mehr als ein Smartphone bei einer Person findet man eigentlich nicht. Haben wollen aber alle eines.
    Und dann ist da das Thema Jailbreaken. Wer ein iPhone hat, muss das natürlich jailbreaken, klingt cool, also geht es nicht ohne. Dass man mit Jailbreak nicht updaten darf ohne vorher auf Werkseinstellungen zurück zu gehen – huch, wer hat davon schon gehört. Dann bin ich ab und an gefragt, um die iPhones wieder ans Laufen zu bringen, wenn sie gebrickt sind.

  4. Jürgen says :

    Handy- und Schuldenprojekte ans Gymnasium!
    Machen externe Kooperationspartner, bei uns ab der 5. Klasse (Hauptschule).

  5. S. Van Lure says :

    wow… 28/28 haben keinen plan das sie hunderte euros einfach so rauswerfen?!?
    stellen sie ihnen folgende aufgabe:
    sie sollen sich etwas überlegen das sie gerne haben möchten. x-box-, laptop, digicam… irgendwas, und dann lassen sie die jungen leute mal ausrechnen wie schnell sie das geld dafür gespart hätten mit nur einem (guten/günstigen) handyvertrag.
    wenn man ihnen vor augen führt was sie alles statt 2-3 handy verträgen haben könnten begreifen sie vllt. wie wichtig es ist verantwortungsvoll mit dem geld zu wirtschaften

  6. Fabian says :

    Bei mir (Jurastudent im fortgeschrittenen Semester) haben die Alarmglocken geschrillt, als ich diesen Beitrag gelesen habe. Meines Erachtens könnten hier einige der Schüler den Tatbestand des Betrugs nach § 263 StGB erfüllt haben.
    Wenn die Schüler ihren Zahlungspflichten nicht nachkommen, kann nach einer gängiger Rechtsansicht eine Täuschung über den Zahlungswillen angenommen werden, durch die ein Schaden bei der Telefongesellschaft (offene Rechnungen) eintritt.

    In der Praxis warten Unternehmen meist lange Zeit ab, bis sie eine Anzeige stellen, zumal sie auch ohne Strafanzeige auf zivilgerichtlichem Weg ihre Ausstände einholen können. Ich persönlich meine aber eine neue Entwicklung festzustellen. So kann beobachtet werden, dass immer mehr Online Versandhäuser von vornherein mit Betrugsanzeigen drohen. Eine ähnliche Entwicklung bei den Mobilfunkanbietern ist nicht auszuschließen.

    Ergo: Vielleicht möchten Sie ihre Schüler mal auf diese Seite der Medaille hinweisen, vielleicht hinterlässt das einen Eindruck.

    Beste Grüße und Kompliment an den Blog!

    P.S.: Meine Darstellung des juristischen Rahmens ist in den Auführungen stark vereinfacht, aber im Ergebnis zutreffend.

  7. Frankonia-Chantalle says :

    Och, irgendwann kommen die Jungs von Moskau Inkasso vorbei. Keine Panik :-)

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