Schlechte Laune
Ich habe schlechte Laune. Richtig schlechte Laune.
Da wollte ich abends “noch mal eben” den Rest der Klausuren korrigieren, und dann macht mir Shania aus der 12a einen Strich durch die Rechnung. Na herzlichen Dank auch. Sie ist nämlich am Klausurtag sehr kreativ mit ihrer Klausur umgegangen.
Sie hat bei der häuslichen Vorbereitung einfach mal Google bemüht, im Vorfeld viele tolle Sätze von diversen Internetseiten abgeschrieben, das Ganze schön auf mehrere Blätter geschrieben, dabei (soweit das bei handschriftlichen Abschriften geht) das Layout der Vorlage übernommen und alles dann als Klausur abgegeben. Ich habe keinen blassen Schimmer, wie (mir) so etwas durchgehen konnte.
Entsprechend habe ich die halbe Nacht damit verbracht, alles zu dokumentieren und alle Arbeiten noch einmal zu überprüfen. Und siehe da: Ich finde bei den Nachschreibeklausuren, die ich bis dato noch nicht gelesen hatte, ebenfalls ein bisschen Trickserei.
In einem Fall wurde ein kompletter Wikipedia-Artikel auswendig gelernt, inkl. Rechtschreibung, Grammatik und Absätzen, und dann einfach runtergeschrieben. Allerdings wurde das Ganze noch mit Zitaten des Klausurtextes gespickt, sodass durchaus eine gewisse Eigenleistung vorhanden ist. Auch wenn der Großteil der inhaltlichen Ausführungen nicht mit meiner Aufgabenstellung übereinstimmt.
Im zweiten Fall wurde ein bisschen subtiler vorgegangen, aber auch hier finde ich meine Tafelbilder und diverse Internetquellen. Wörtlich in den Klausurtext eingebunden.
Sieht schon ein bisschen lustig aus. Ganze fehlerfreie Abschnitte in Hochsprache stehen Abschnitten gegenüber, die im Schnitt zehn orthografische Fehler pro Zeile haben, diese Abschnitte sind dann in breitester Umgangssprache formuliert.
Ich bin sauer, gehe ins Bett und kriege immerhin noch dreieinhalb Stunden Schlaf.
Am nächsten Morgen rege ich mich im Lehrerzimmer dann weiter auf. “Die 12a macht vielleicht einen Scheiß! Die haben mich um meine Nachtruhe gebracht!” Ich zeige die Beweise herum. Die Reaktionen der Kollegen sind vielfältig: Verständnis (“Das war bestimmt nur ein Missverständnis!”), Ernüchterung (“Hatte ich auch schon, kann man nun mal nichts gegen machen.”) bis hin zu totaler Kontrolle (“ICH nehme die Hefte immer vor der Klausur mit nach Hause und stemple die mit immer wechselnden Motiven!”).
Fehlender Schlaf und nicht genügend Koffein tun bei mir ihr übriges. “Shania hat gemogelt! Die hat die ganze Arbeit vorgeschrieben und dann so getan, als hätte sie das während der Klausur geschrieben!” “Ach, wie bei mir in Deutsch”, meint Kollege Muth. “Ja, Du musst mal dringend mit ihr reden. So geht das doch nicht.” Das werde ich tun. Mit Sicherheit. Und dann wird die 12a mal richtig eingenordet.
In der ersten Pause überlegen wir, welche Ausreden wohl kommen werden. Herr Muth meint, “wahrscheinlich hat sie die Klausurblätter versehentlich eingepackt”. Frau Birken setzt darauf, dass Shania beteuern wird, dass sie wirklich alles erst während der Klausur geschrieben hat. Herr Merina schlägt vor, dass dann sofort zu testen, denn das wäre ja ein Talent. Und wenn das weiterhin unerkannt bliebe… Ich hingegen glaube, dass Shania nicht da sein wird.
Bereits auf der Treppe zum Klassenraum werde ich von Sebastian und Dimitrij abgefangen. “Ey, Klausuren?” “Mmmh”, knurre ich, “von Ihnen haben drei Mist gebaut. Ich bin sauer. So richtig sauer!” Sebastian stutzt: “Echt, nur drei fünfen? Krass, das ist besser als die letzte Klausur!” Er erblickt die anderen und brüllt quer durchs Treppenhaus: “Geil, nur drei fünfen.” Also ob es im Treppenhaus und im Flur ein Echo geben würde, höre ich, wie sich diese “Neuigkeit” verbreitet.
Im Klassenraum muss ich dann erst einmal diese gute Nachricht zunichte machen. “Nein, nicht nur drei fünfen. Drei von Ihnen haben geschummelt und ich hab´s gemerkt. Fünfen gab´s acht oder neun, so genau weiß ich das gerade nicht.”
Michelle und Cheyenne schauen sich wissend an. Aha, das muss ich mir merken. Die Klasse ist sehr still, alle wollen wissen, was passiert ist. Ich erkläre, wie geschummelt wurde, warum mir das Schummeln aufgefallen ist und was nun die Konsequenzen sind. Schulleitergespräch. Abhmahnung. Und so weiter.
Dimitrij kommentiert: “Wie kann man so blöd sein? Ich hab mir die fünf ehrlich verdient, haha.” Tom meint, “ey, wissen eh alle, wer gemeint.” Irem findet sogar, dass “die Klausur doch voll fair war, vallah!”
Einige fordern verschärfte Sicherheitsmaßnahmen. Als ich vorschlage, in der nächsten Woche gemeinsam mit der Klasse einen Strafkatalog erarbeiten zu wollen, jubeln viele.
Shania ist leider nicht da. Krank sei sie. Voll schlimm, wie mir Ayse versichert.
Nachmittags setze ich mich an den Rechner und gehe bei Facebook online. Die 12a diskutiert virtuell weiter. Auch Shania hat was gepostet.
“leudzz, mir isda was passierd, voll krass, glaub mir niemand is aba wahr. hab der Rot meine lehrnzeddels abgegebn. haha.”

Schreibt sie auf ihre Lernzeddels immer ihren Namen und das Datum drauf? Man, man, so was! Und dann noch per Facebook Spuren verwischen wollen. Da hat man ja echt zu tun, bei Ihnen im Kurs! Ein Glück dass meine nur recht kurze Texte verfassen und viel zu faul sind sich vorher eine Klausur vorzuschreiben
Klausurleistung Mashup, remixende Lernende… prinzipiell in Ordnung und nichts Neues, dennoch blöd wenn es weder geistreich noch geordnet und entwickelt wird…
Ich finde es prinzipiell gut, wenn Schüler zusätzliche Quellen bemühen.
Aber ich finde es nicht in Ordnung, wenn dann einfach nur das Auswendiggelernte ohne jeden Aufgabenbezug hingeklatscht wird.
Ich finde es witzig, wie Deutschlehrer mit Klausuren umgehen, die inhaltlich weitestgehend nicht zur Aufgabenstellung passen.
Stellt euch das mal auf die Mathematik übertragen vor:
Aufgabe: Schreibe alle Primzahlen zwischen 1 und 10 auf.
Antwort des Schülers: 1,2,3,4,5,6,7,8,9,10
Bewertung des Mathematiklehrers: Völlig falsch: Note 6
Bewertung des Deutschlehrers: Naja, die 2,3,5 und 7 sind ja genannt. Der Rest gehört nicht dazu. Note 2 oder 3
Ein in der Klausur festgestellter Täuschungsversuch = 6.
Wenn der Täuschungsversuch jedoch erst nach der Klausur erkannt wird, muss man alles, was noch als Eigenleistung gezählt werden kann, in die Bewertung miteinbezogen werden. In diesem Fall: Klausurnote “5″
Ärgerlich, aber nicht änderbar. Zumindest von mir nicht.
Also ich halte das hier für Comedy. Wäre alles wahr, müsste die Schule geschlossen werden und die Lehrer, die diese Schüler bis zur 12ten Klassen haben kommen lassen, müssten sich dienstrechtlich verantworten.
*vallah*
Leider keine Comedy.
Und wie schon an anderer Stelle beschrieben: Das ist nur eine Klasse von vielen. Andere meiner Klassen sind so, wie man sich das vorstellt.
Oh mann, ich komme mir ganz schlecht vor. Ich gestehe: 1999 oder so (9. oder 10 Klasse – wann ist Effie Briest dran?) habe ich was ähnliches gemacht und schäme mich jetzt. Man bemerke: das war Pre-Wikipedia und noch bevor man “googeln” sagte. Ich habe mir in Vorbereitung auf die Klausur zum Buch ein paar Informationen aus dem Netz (Grin gab es damals als Plattform für Hausarbeiten) geschrieben und eine 1 in der Arbeit bekommen. Ich wollte das nur gesagt haben, falls ich mal Ministerin, Kanzlerin, Bundespräsidentin o.ä. werde.
Aber es war damals einfach zu leicht: Effie Briest war ja so Stellung-der-Frau-in-früher-lastig, da konnte nur dazu was kommen. Ich will Frl. Rot jetzt auch keinen Vorwurf machen, aber ev. war die Klausur zu vorhersehbar, wenn sie sich dermaßen vorbereiten ließ…? Und was hat das Mädel während der Klausur gemacht? War das nicht aufgefallen?
Aber so oder so: So rotzfrech das zu versuchen, bereits in der Schule, finde ich sehr bedenklich. Unter unseren Seminararbeiten finden wir aber mittlerweile auch etwa 1mal pro Jahr ein Volltextplagiat. Selbst seit der Guttenbergaffaire hat sich da nichts geändert, man meint, die Studenten wären erst hierdurch drauf gekommen, dass man abschreiben kann.
Und schon wird die Frage zur Informationskompetenz in mir wieder laut: es ist ja eigentlich ganz cool, wenn die Schüler diese Kreativität aufweisen – immerhin haben sie sich auf die Klausur “vorbereitet”. Aber den Lehrer für so blöd zu halten, gerade wenn sich die Absätze dermaßen unterscheiden… liegt wahrscheinlich am Großteil der Lehrer, denen das nicht auffällt und bei denen die Schüler damit durchkommen. Herzlichen Glückwunsch, Frl. Rot, Sie gehören nicht dazu. Kopf hoch!
Ja, das Thema ließ wenig Spielraum zu (“Erziehung im Nationalsozialismus”). Die nächste Klausur, ach was, alle kommenden Klausuren baue ich anders auf, auch mit A/B/C-Gruppen.
Aber das ist eben das Schwierige, wenn man nur vier oder fünf Stunden hatte und dann sofort wieder eine Klausur schreiben muss. Da hat man nicht immer so viel Stoff, dass man eine perfekte Klausur stellen kann.
Die “Informationskompetenz” ist definitiv vorhanden, aber die “Anwendungs-/Verarbeitungskompetenz” schwächelt doch arg. Ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn sich Schüler noch zusätzliche Informationen beschaffen, aber diese Volltextplagiate finde ich äußerst bedenklich.
Ich muss mir auch noch überlegen, wie ich zukünftig mit der Heft-Sache umgehe. Vorher einsammeln und dann stempeln?
Alle 10 Minuten früher antanzen lassen und die Hefte kontrollieren? Habe ich bei dieser Klausur gemacht, hat offensichtlich versagt.
Offizielles Schulpapier nehmen? Geht nicht mehr, wir müssen sparen.
Möchten Sie ein paar Tricks erfahren? Die kennen Sie vermutlich alle schon.
Also,Trick eins, internetfähiges Handy, also alle. Googeln, vergrößern, abschreiben, und alles auf dem Knie. Das sind Profis.
Trick zwei. Die Blätter zuhause vorschreiben, mit Lücken. Die werden während der Klausur ausgefüllt. Passt dann irgendwie. Wichtig: selber Kuli.
Die Blätter liegen schon im Heft, im Block oder liegen in der Tasche, die geöffnet auf dem Boden steht. Einer im Kurs beschäftigt die Lehrkraft mit Blödsinn, in dieser Zeit ziehen die anderen ihre Zettel.
Trick drei : Wikiartikel mit Bleistift auf Löschblatt schreiben. Sieht kein Mensch.
Also müssen alle Taschen vorne stehen, die Hefte werden kurz nach Beginn der Klausur vom Lehrer durchgesehen. Keine Stichproben, alle. Die Handys liegen ausgeschaltet vorne auf dem Lehrertisch. Wird nur ein anderes irgendwo gesehen, wird das als Betrugsversuch gewertet und mit 6 benotet.
Die Nichtschummler werden es Ihnen danken:-))
Ok, und jetzt ich:
1. Die Handys liegen immer auf dem Pult! Keine Ausnahme.
2. Die Taschen liegen immer hinter mir – da muss man an mir vorbei… Gilt auch für Jacken. Kopfbedeckungen und meterlange Schals sind ebenfalls verboten.
3. Die Hefte sammle ich vorher ein und markiere sie.
4. Papier gibt es nur von mir (ist auch markiert). Keinesfalls aus irgendeinem Ringbuch. Und schon gar nicht nachträglich aus einer Tasche.
5. Der Raum wird vor der Klausur nicht aufgeschlossen.
6. Ein Täuschungsversuch wird immer (!) als “ungenügend” gewertet.
So, und wie hat sie es jetzt gemacht?
Dann gibts ja wirklich kaum Chancen.
Bei uns hatte schon einer ein zweites Handy, mit dem er die Aufgabe abfotographierte, sie nach draußen mailte. Die gelöste Aufgabe bekam er über Handy zurück.
Oder die Art der Markierung war bekannt .Die Blätter wurden fertig unter der Kleidung mitgebracht.
Die Wasserflasche war ebenfalls ein Ort der Speicherung von Texten.
Was auch geht, ist die Methode der Zeugenbefragung, freundlich, unbefangen. Die anderen , die ordentlich sind, mögen das nicht, wenn einer schummelt. Der Schummler gibt nämlich meist an damit. Oder andere haben gesehen, was läuft.
und die Schülerin besucht das Gym? Mit dem Deutsch (zeddel)? Du meine Güte
Ja, die 12. Klasse