Theater, Theater…

“Boah, was soll denn der Scheiß”, zetert mein Nachbar in der Schulaula.  “Ey, da sitz ich doch lieber in Mathe!” Zustimmendes Gemurmel. “Ja, warum geht das Ding denn nicht auf?”, fragt seine Mitschülerin.

Wir sitzen in der 3. und 4. Stunde mit unseren Sek. II-Klassen in der Aula und schauen uns die halbjährliche Aufführung der Literaturklassen an. Sie haben sich viel Mühe gegeben: Das Programm kündigt Hörspiele, Lesungen, Filme und die Vorschau auf die nächste Theateraufführung an.

Die Aufführung fängt mit einem Hörspiel an. Die harten Jungs aus der 10 vor mir sind total verwirrt. Sie hören Ton, aber der Vorhang geht nicht auf! “Haha, das Ding ist kaputt!”, vermutet Rafael. Und Paul schreit: “Boah ey, man SIEHT euch nicht. Spulen! Zurück!” Bevor ich erklären kann, dass wir gerade ein H ö r spiel erleben, schreitet Herr Muth, der Klassenlehrer ein. Er ist schon jetzt ziemlich sauer. In den nächsten fünf Minuten sagen die Jungs keinen Pieps. Dafür ist die Reihe taghell erleuchtet, denn sie alle fummeln an ihren Handys rum.

Dann kommen die sichtlich nervösen Moderatoren auf die Bühne. Alina und Benjamin aus der 13. Alina trägt einen Rock, den man auch als Gürtel bezeichnen könnte, so kurz ist der. Immerhin weckt er die Aufmerksamkeit der 10er vor mir. “Geile Beine!”, “Bücken!”, “Wir beide, heute Abend?” Sie versuchen, die Beine zu fotografieren. Ich schaue zu Herrn Muth. Dessen Ader auf der Stirn pocht. Aber noch reichen mehrere böse Blicke.

Dann kommt die Lesung an die Reihe. Die Schüler lesen Gedichte und Texte vor, zu denen sie durch Bilder und Zitate inspiriert wurden. Thematisch ist vieles davon an den Chandos-Brief angelehnt. Die Texte sind facettenreich und durchaus gelungen. Aber sie sind auch lang (ca. 3-5 Minuten) und erfordern Konzentration beim Zuhören.  Für die 10er zu viel, eine SMS oder eine Statusmeldung bei Facebook liest sich schneller. Ist auch viel kurzweiliger. Die Glühwürmchen flackern wieder auf. Ab und an werden Statusmeldungen bei Facebook lautstark kommentiert. “Haha, die anderen sind gar nicht erst reingegangen. Sind beim Türken!” Nur die Tatsache, dass sie an Herrn Muth nicht vorbeikommen, hindert sie am Abhauen.

Die Mädchen machen einen auf Germanys next Topmodel. “Kuck mal, die Beine.” “Die Schuhe, ey, geht gar nicht!” “Gab´s das auch in Deiner Größe?”

“Schreib ich mal das Scheiße ist!”, meint Rafael lautstark zu Paul. “Ja, voll Zeitgetotheit.”

Mir reicht das jetzt. Ich kassiere mehrere Handys ein. “Aber, ist langweilig.” “Öde.” “Wer will das sehen?” “Zuhören, sooo anstrengend! Warum nicht Film?” Murad hat eine Idee: “Machen wir wie Bohlen. Aufstehen und mit Rücken zeigen.” Jetzt ist Herr Muth so richtig sauer. Ich grinse ein bisschen in mich hinein, denn meine eigene 12 ist vorbildlich. Sie tuscheln nur sehr selten, Handys sehe ich gar nicht. Hoffentlich schlafen sie nicht.

Ich finde die Texte toll und nehme mir vor, im nächsten Halbjahr so etwas ähnliches mit meinem LK Deutsch zu machen. Die schreiben gerne, einige davon auch richtig gut. Das könnte interessant werden.

Dann kommt ein Film darüber, wie sich der Literaturkurs die Zukunft vorstellt. Interessant. Irem hinter mir mault: “Heirate ich doch. Mann macht alles. Geld, Auto, Brillies.” “Und viel Urlaub”, ergänzt Vanessa. “Warum da Job haben?” “Echt, ey, und wenn Job zu stressig, dann Hartz IV. Kriegst du alles. Wohnung, Möbel, dickes Fernseher.” Dimitrij mal wieder.

Und dann, ganz plötzlich, werden sie wieder wach. Denn im Film kommt nun eine Variation von “mein Haus, mein Auto, mein Pool”: “meine Gärtnerin, meine Köchin, meine Autowäscherin”. Bildlich untermalt von diversen Fotos von sehr unbekleideten Frauen. Ironisch gedacht, wird es völlig missverstanden. “Ey, genauso!” “Endgeil! “Voll fett!”

Zum Abschluss setzt sich ein Kollege noch ans Klavier und zeigt mit seinem Theaterkurs einen kurzen Ausschnitt aus dem kommenden Stück. Ich bin erstaunt und dann begeistert, der Kollege spielt und singt wirklich toll. Die 10er hingegen sind entsetzt: “Boah, voll schwul!”

Herr Muth und ich schauen uns entgeistert an. Ja, das wird noch ein hartes Stückchen Arbeit. Und wehtun wird es vermutlich auch.

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One response to “Theater, Theater…”

  1. pausenkaffee says :

    Ich hab ja wirklich schon einiges in Klassenzimmern und Schulaufführungen erlebt, aber du scheinst ja wirklich einige Klassen zu haben, die richtig, richtig schlimm sind… Epic Fail, würden viele von ihnen dazu vermutlich sagen, wenn ihnen auffallen würde, wie daneben sie sich benehmen.

    Nichtsdestotrotz: Kopf hoch, Grüße an den Klassenlehrer und alles Gute!

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