Archive | Februar 2012

Well done!

Montage. Es sind immer die Montage. Nach zwei Wochen Schulabstinenz (Krankheit und Fortbildung) bin ich heute morgen wieder auf dem Weg zur Schule.

Bereits am Hauptbahnhof quatschen mich die ersten beiden Schüler an. Merkwürdig, denn sonst sehe ich dort nie meine Schüler. “Frl. Rot, haben wir heute EW? Nee, oder? Wir haben alle Mathe mit!” (Wegen der Raumnot haben wir einen Wochenplan, die fünfstündigen Kurse laufen jede Woche vierstündig und alle zwei Wochen dann sechsstündig.)

“Wir haben eine ungerade Woche, also haben wir EW.”

“Nein! Wir haben doch alle Mathe mit!” Wie die beiden noch vor dem Unterricht festgestellt haben, dass alle 34 Mathe dabei haben, ist mir schleierhaft. “Wissen Sie was, wir klären das nachher.”

Ich setze meinen Weg zur Schule fort. Insgesamt wird mir diese Frage noch sechsmal gestellt. Ich schaffe es mit Müh und Not bis zur Tür des Lehrerzimmers. Dort werde ich gleich umringt. “Sie? Aber wir haben doch Mathe!”

Ich protestiere: “Lassen Sie mich doch bitte erst einmal ankommen, die Jacke ausziehen und dann sehen wir weiter.”

“Aber, …!”, “Meine Hausaufgaben, die sind zu Hause!”, “Sie haben gesagt, wer die Hausaufgaben nicht hat, der kriegt eine 6″. “Frl. Rot, mein Heft ist zu Hause!” “Kann ich das nachreichen? Nächste Woche oder so?” Alle schreien aufgeregt durcheinander.

“Nochmal: Wir können das bestimmt gleich alle klären. Haben Sie denn keinen Wochenplan bekommen?” “Nein!”, “Nee, was ist das?”

Ich vertröste die Gruppe, verspreche den Wochenplan zu kopieren und gehe zu meinem Fach.

Das quillt über: Entschuldigungen, mehrere uralte Materialordner aus den 1970er Jahren (“musst Du Dir unbedingt kopieren, ist tolles Material drin”), Beihilfebescheide, Telefonnotizen und und und…

Dann die erste Stunde. Die anwesenden 24 Schüler haben eine Lautstärke! Man bemerkt die fehlenden Schüler (10!) gar nicht. Alle sind besorgt, denn sie haben anscheinend wirklich alle Mathe mit. Ich verteile den Wochenplan.

Natürlich haben alle auch die Aufgaben nicht bekommen, die ich für die Vertretung an die Schule gemailt habe. Also ist improvisieren angesagt.

In der ersten Pause erlebe ich meine ganz eigene Version von “Täglich grüßt das Murmeltier”. Wieder stehen Schüler vor mir, die den Wochenplan nicht bekommen haben, die dachten, sie hätten ein anderes Fach als meins, die natürlich auch die Materialien/Hausaufgaben/Hefter nicht mithaben. Auch hier improvisiere ich mich und die Schüler durch die Doppelstunde.

In der zweiten Pause: Und täglich grüßt das Murmeltier. Dieses Mal grüßt es aus der 12a.

Hier sind aber (zum Glück) noch ein paar Gruppenarbeiten zum Thema “Gehirnfunktionen” offen. Die Folien habe ich zum Glück nach der letzten Stunde mitgenommen, wohlwissend, dass sie ansonsten im Nirwana gelandet wären.

Wir klären alles wichtige: “Warum waren Sie so lange weg?” “Hatten Sie keine Lust?” “Well done!” “Haben Sie Party gemacht?” “Anderer Lidschatten? Steht Ihnen!” “Geile Hose, wo ist die her?” “Well done!”

Dann gebe ich den Gruppen 15 Minuten Zeit, um sich noch einmal die Texte anzuschauen und die Arbeitsergebnisse ins Gedächtnis zu rufen. Zwischendurch höre ich, wie in einer Gruppe immer “well done” gesagt wird.

Die erste Gruppe beginnt. Der Vortrag ist akzeptabel.

Dann kommt Irem: “Ey, ich mach dann mal. Weiß aber nix.” Michael ruft: “Well done!” Irem liest den ersten Teil der Folie vor. Wieder kommt ein “well done” aus ihrer Gruppe. Jetzt frage ich aber doch nach: “Was soll das denn immer mit diesem `well done´?” “Haha”, meint Irem, “kann ich doch kein Englisch. Hab ich heute gelernt, well done!”

“Ja, und was heißt das?”

“Mir doch egal, klingt gut, nee? Well done, Frl. Rot!”

“Irem, das heißt so viel wie `gut gemacht´!”

“Haha, sag ich doch. Well done.”

“Irem, wenn Sie das so toll finden, sollen wir dann die Stunde auf Englisch fortführen?”

Irem ist entsetzt: “Nö! Kann ich nicht. Mach ich mal weiter. Also, und dann gibt es das Gedächtnis für lang und das für kurz. Und dann noch was, was ich nix weiß. Dafür krieg ich bestimmt nen Minuspunkt. Nix well done.” Irem grinst mich an.

Irem wird von ihrer Gruppe gefeiert. “Geil gemacht, voll gut!” “Ja, well done!” Gelächter. Das fängt an, lästig zu werden.

“Leute, den nächsten, der ständig well done sagt, schmeiße ich raus.”

“Genau. Well done, Frl. Rot”, stimmt mir Michel zu. Ach, so ein Mist. “Michel, sorry. Sie werden dann wohl mal kurz frische Luft schnappen gehen.”

Das sitzt.

Wir können im Laufe der Stunde tatsächlich in Ruhe klären, wie das menschliche Gehirn funktioniert, welche Gedächtnistypen es gibt und wie man besser lernt. Kein “well done”.

Dummerweise vergleicht eine Gruppe kurz vor Schluss dann die Wirkung von Dopamin mit der von Heroin und Kokain. Das ist zwar nicht grundsätzlich falsch, aber der Zusammenhang wird falsch dargestellt. Es folgt eine Diskussion ungeahnten Ausmaßes. “Frl. Rot, ich kenne einen, der kifft vor Klausuren immer. Und dann schreibt der nur Einsen.” Und Cheyenne meint, “ey, von Hasch wird man doch voll schlau.” Selbst Nikolai wird jetzt wach: “Frl. Rot, Sie haben doch auch schon, nee?”

“Was habe ich schon, Nikolai?”

“Ach, Sie wissen schon.”

“Nö. Weiß ich nicht.”

“Na, gekifft. Sie haben doch studiert. Alle Studenten kiffen.”

Oje. “Nein, habe ich nicht. Noch nie, übrigens.” Nikolai findet das “voll langweilig”. Anna meint hingegen: “Nee, ist doch voll schlau.”

“Genau”, stimmt Vincent zu, “well done, Frl. Rot!”

Sie haben doch nichts am Kopf!

“Und weißte, hust, chrrm, was der dann echt zu mir gesagt? Chrmm, hust.”

Es ist früh am Morgen. Ich bin beim ersten Kaffee. Mein Freund Klaas meckert am Telefon. Ich verstehe nicht alles, weil Klaas´ Redeschwall ständig von Hustenanfällen unterbrochen wird. Klaas ist ebenfalls Lehrer, leider an einer anderen Schule. Wir haben zusammen das Referendariat überlebt.

“Nee, was denn?”

Chrmm. Ja, ob ich denn Vertretungsaufgaben chrrm schicken könnte. chrmm Vertretungsaufgaben! chrmm Ich bin krank! Hört chrmm der hust das chrmm nicht hust?”

[Der besseren Lesbarkeit wegen lasse ich ab hier die husts und chrmms weg. Der geneigte Leser stelle sich das Hustenkonzert bitte vor.]

“Ja, aber wahrscheinlich muss der das fragen, Klaas.”

“Weißte, wer sich schön passend zu den Abschlussprüfungen eine neue Hüfte hat einsetzen lassen? Na? Na? Na? Und wer keine Aufgaben schicken konnte?”

“Der Stellv?”

“Genau der. Die drei Wochen bis zu den Sommerferien hätte er ja wohl noch warten können. Aber nein. Da musste er ja wieder fit sein. Der Urlaub und so. Und ich Doofmann lege mir meine Arzttermine außerhalb des Unterrichts! Und dann bin ich einmal krank. Und dann so eine Unverschämtheit.”

“Ja, und was hat er nun gesagt?”

“Ich könnte ja … ich könnte ja sowas von ausrasten. Ich geh zum Lehrerrat!”

“Das hat er gesagt? Glaub ich nicht.” Mal ein bisschen den Skeptiker machen. Klaas regt sich dann immer so schön auf.

“Nimmst Du mich bitte mal ernst? Ich bin k r a n k und werde ungerecht behandelt!!! Hab ich Dir eigentlich schon erzählt, was der der Katharina gesagt hat? Unverschämt!”

“Mmmh.” Ich brauche mehr Kaffee.

“Die hat sich vor kurzem auch krankgemeldet und da hat er ihr gesagt, ´Frau Katharina, Sie sind krank? Gestern bei der Konferenz schienen Sie doch noch so fit!` Frechheit. Und er hat schon eine Verwarnung vom Lehrerrat bekommen. Der ändert sich nicht!”

Nun gut. Ich bin ja auch der Meinung, wer krank ist, ist krank. Der gehört ins Bett und nicht an den Schreibtisch. Ich wurde bis jetzt auch immer gefragt, “und, Ideen für die Vertretung?”

Dann habe ich mich pflichtbewusst an den Schreibtisch gesetzt und Texte abgetippt/eingescannt (was ich ja eigentlich gar nicht darf, Digitalisierung und Copyright und so). Meistens kostet mich das einige Zeit, weil ich eben nicht alles digital vorliegen habe. Der “normale” Unterricht bereitet sich irgendwie leichter vor.

Das Ganze maile ich dann an die Schule.

Nur um hinterher festzustellen, dass a) die Klasse doch frei hatte, b) der Kollege den Vertretungsplan nicht im Fach gesehen hatte, c) die Klasse nach einem Blick auf den Vertretungsplan blau gemacht hat oder d) irgendetwas anderes schief gelaufen ist. Noch nie, wirklich nie (!) konnte ich mich darauf verlassen, dass meine Aufgaben die Schüler erreichen. Wie oft bin ich schon in die Klasse gekommen in dem Glauben, sie hätten die Vertretungsaufgaben gemacht, und wurde angeschaut wie ein Auto.

Mein Fazit: Ich lasse es. Ich weiß, an deutschen Schulen gibt es zu viele Ausfallstunden. Aber wenn ich mich mal krank melde, dann habe ich auch was. Dann geht es mir nicht gut. Meist habe ich Fieber und einen Kopf, der sich anfühlt wie komplett in Watte gepackt. Natürlich muss man da auch konsequent “nein” sagen können. Eine Freundin vertritt vehement die Theorie, das Nachfragen sei so eine psychische Hürde, um Spaß-Krankmeldungen zu verringern.

“Frl. Rot, wie findest Du das?” Oh Mist, ich bin abgeschweift. Jetzt habe ich die Pointe nicht mitbekommen.

“Sag noch mal.”

“Und dann hab ich gesagt: `Ich kann nicht kommen, ich bin krank.´ Und dann hat er gesagt: `Vertretungsaufgaben?´Und ich wieder: `Ich bin krank, das geht nicht.´Und dann er: `Sie können doch noch sprechen. Also haben Sie nichts am Kopf und können noch denken!´”

Ich muss zugeben, der Spruch von Katharina war irgendwie krasser. Aber trotzdem. Ich pflichte Klaas bei, schließlich will ich ihn demnächst anrufen können. Die Berge von Klausuren, die dann hier liegen werden … !

Klaas meckert noch ein bisschen weiter, irgendwann ist mein Kaffee alle und Klaas´Stimme auch.

Muss ich den Telefonhörer eigentlich desinfizieren?

Nicht das Klaas mich ansteckt. Dann müsste ich ja in der Schule anrufen und … ach, lassen wir das.

Ist der unsere Queen?

“Achtung, eine Durchsage!”, dröhnt die Stimme des Schulleiters durch das Gebäude. “Heute wird die zweite Pause um ein paar Minuten verlängert, damit alle die Live-Übertragung aus Berlin anschauen können.”

Die Klasse ist verwirrt. Live-Übertragung? So früh am Morgen? Nee, Fußball kann da ja noch nicht laufen. Und die Konzerte der coolen Bands schon mal gar nicht. Oder hat sich eine Band getrennt? Vielleicht ein Kinofilm? Oder was mit der Fashion-Week? Die Berlinale? Die Fragezeichen über den Köpfen meiner Klasse sind fast greifbar.

“Äh, Frl. Rot? Was wird denn gezeigt?”, fasst sich Cheyenne ein Herz.
“Mmh, der Chef sagte doch ‘Berlin’?” Zustimmendes Kopfnicken.
“Ich schätze mal, dass der Wulff zurücktreten wird.”
Michael schreckt hoch, “wer wird getreten?”
Cheyenne springt ihm helfend zur Seite: “Einer in Berlin.”
Ich schaue mich um und sehe viele ahnungslose Gesichter. Nein, das kann nicht sein… oder doch?!

“Sie wissen doch, wer Christian Wulff ist?”
Irem meldet sich: “Der ist in Berlin.”
“Und was macht der da?”, fragt Paul.
Irem zuckt mit den Schultern, “wen interessiert das?”

“Also”, sage ich und hole tief Luft, “der Christian Wulff ist unser Bundespräsident. Und angeblich hat er zu viele Geschenke angenommen, was er nicht darf. Deswegen wird gegen ihn ermittelt. Die Vorwürfe bestehen schon länger und jetzt wurde die Aufhebung seiner Anonymität Immunität beantragt.”
“Der war nur doof. Wenn er sich nicht hätte erwischen lassen… Ist doch nichts dabei.”, kommentiert Alex.
Nikolai schüttelt den Kopf. “Ist nicht mein Präsident. Ich Russe.” Tom kontert: “Aber Du hast doch einen deutschen Pass. Dann bist Du Deutscher!” “Pass ist Papier für Leistungen, Herz ist Russe.”
Irem unterbricht das Ganze, bevor es unschön wird: “Ist der unsere Queen?” Und Michael fragt: “Müssen wir dann wählen gehen?”
“Ich geh’ nicht wählen!” “Ich auch nicht.” “Wählen, ist was für Alte!”
Ich ekläre, dass nicht wir den Bundespräsidenten wählen. Sondern die Bundesversammlung. “Hab ich noch nie gehört.” “Sie machen Witz.” “Die Merkel macht das doch, wofür ist die sonst da?”

“Warum wählen Sie denn nicht?”
“Da müsste ich aufstehen.”
“Meine Eltern gehen auch nicht.”
“Warum denn? Die machen sowieso das, was sie wollen.”
“Interessiert mich nicht.”
Bevor ich etwas erwidern kann, klingelt es und die Stunde ist zu Ende. “Wir sehen uns dann gleich um 11 Uhr am Bildschirm im Foyer.
In der ganzen Schule hängen Touchscreens mit Vertretungsplänen und Newstickern. Zu besonderen Anlässen wird der TV-Kanal freigeschaltet.

Am Ende der Pause sammelt sich eine übersichtliche Anzahl an Schülern vor dem Bildschirm. Gemaule wird laut, als sie den Fernsehsender (Öffentlich-Rechtlich) erkennen.
Dann kommt die Rede (“Wer ist das?”, “Wer ist die Frau neben ihm?”, “Dann doch lieber Mathe!”). Fast alle Schüler sehen total gelangweilt aus. Vier wollen mit der obligatorischen “Darf-ich-aufs-Klo-ich-habs-in-der-Pause-nicht-geschafft”-Frage ihre Zigarettenpause verlängern.
Fast niemand kennt den Unterschied zwischen Bundeskanzler und Bundespräsident. Die Tragweite begreifen nur die wenigsten.
Max und Burak fragen, “können wir auf Viva umschalten? Das ist voll öde!”
Michelle schlägt sich an den Kopf: “Ey, sind das die Sachen, die auch in den Tests vorkommen? Da wo ich immer verkacke?”

“Piep … piep … piep … pieppiep … pieppiep … pieppieppiep … pieppieppieppiep …”

Oh nein! Ich habe vergessen, den Wecker auszustellen. Am Samstag! Und dann dieser doofe Traum. Ich habe doch tatsächlich geträumt, dass die 12a nicht weiß, wer unser Bundespräsident ist war. Also echt, so doof sind die nicht. Oder doch…?

Meine häufigsten Sätze im Unterricht.

In unsortierter Reihenfolge; manche häufiger, die anderen eher seltener:

  • “Guten Morgen!” Pause. Keine Antwort. “Guuten Moorgen!” Gemurmel, die erste Reihe antwortet. “Leute, ich bin da!!!” Mehr Gemurmel. “HALLO!!!”
  • “Ja, d i e ist auch schon da.”
  • “Nein, Sie dürfen nicht aufs Klo, in fünf Minuten ist doch Pause.”
  • “Nein, Sie dürfen IMMER NOCH NICHT in meinem Unterricht essen. Das ist schon seit August letzten Jahres so.”
  • “Abschreiben? Sie können auch die Tafel mitnehmen, wenn Sie das schaffen.”
  • “Nein, die Klausuren habe ich nicht dabei. Die Klausur war doch erst gestern.”
  • “Die Klausur war doch erst letzte Woche. Ich brauche auch mein Wochenende.”
  • “Die Klausur? Haben Sie etwa am Wochenende was für die Schule gemacht? Sehen Sie, ich auch nicht.”
  • “Oh, mir ist da was ganz Dummes passiert. Ich habe Ihre Klausuren vergessen. Die gibt´s dann nächste Woche.” (Und werden erst auf die allerletzte Minute korrigiert.)
  • “Die Blätter sind nicht gelocht? Der Locher ist geklaut.”
  • “Taschen vom Tisch!”
  • “Wer hat die Hausaufgaben nicht?”
  • “Könnten Sie bitte die Jacken ausziehen? Sie sind doch nicht auf der Flucht.”
  • “Doch, wir machen jetzt mal ein Fenster auf. Lieber erfrieren als erstinken.”
  • “Jaqueline, Sie müssen mehr im Unterricht mitmachen! Wenigstens einmal pro Stunde, ja?”
  • “Wer hat Tafeldienst?”
  • “Das Handy gehört gleich mir!”
  • “Ich weiß nicht, ob Herr Müller heute da ist. Hab ich ein Schild mit der Aufschrift “Auskunft” auf der Stirn?”
  • “Warum packen Sie schon ein? Die Stunde ist erst in fünf Minuten zu Ende.”
  • “Ich beende den Unterricht.”
  • “Können Sie in der letzten Reihe mal etwas leiser sein?”
  • “Hans-Klaus-Peter, das nächste Mal fliegen Sie raus!”
  • “Ja, das haben Sie gut gemacht!”
  • “Weiter so!”
  • “Leute, das war eine super Stunde!”
  • “Ja, ich habe gesehen, dass Sie sich heute gemeldet haben!”
  • Nein, Sie dürfen das Tafelbild nicht fotografieren.”
  • “Kennen Sie den Spruch: Von der Hand in den Verstand.”?
  • “Nein, ich zeige Ihnen nicht raubkopierte Filme!”

to be continued…

Mein Gehirn und ich…

Ich fühle mich in der 12a mal wieder prima unterhalten. Wir haben die erste Doppelstunde im zweiten Halbjahr, für alle in der Klasse geht es nun um “alles oder nichts”. Das Fachabitur rückt immer näher, und obwohl sie  keine Abschlussprüfungen schreiben müssen, haben sich fast alle selbst ein Bein gestellt: Sie haben nämlich so viele Defizite in der 12.1 angesammelt, dass wir hier auf der “Mission Impossible” sind. Fast alle haben ihre Defizite voll und müssen nun das zweite Halbjahr in allen Kursen mit einem “ausreichend” abschließen. Rechnerisch gesehen sogar besser als mit “ausreichend”, um die Defizite wieder auszugleichen.

Nach einer freundlichen Erinnerung meinerseits an die vereinbarten Regeln (siehe hier: klick) starten wir mit der neuen Reihe, es geht um Piaget. Da ich schon im Vorfeld vermutet habe, dass selbst der Eingangstext zu Piagets Akkomodation und Assimilation zu schwer sein würde, fange ich mit etwas einfachem an: dem Gehirn.

Die Klasse hatte als Hausaufgabe auf, einen Text zu den Funktionen des menschlichen Gehirns zu lesen. Nicht allzu schwer, aus einem Buch für die Klasse 10.

“Gibt es in dem Text Wörter, die Sie nicht verstanden haben und die Sie auch nicht nachschlagen konnten?”

“Ey, voll schwer, Frl. Rot!”, meint Nikolai. “Und so viel!”, ergänzt Tom.

“Würden Sie bitte meine Frage beantworten?”, hake ich nach. Die ersten machen sich leise auf zur Tafel. Wir haben ein neues System: Jedes unbekannte Wort wird mit Zeilenangabe an die Tafel geschrieben, sodass ich nicht ständig Worterklärungen wiederholen muss. Die anderen können dann schauen, ob “ihr” unbekanntes Wort dort schon steht.

Holzklötzchen. monströs. Plastikwanne. assoziativ. Neuron. Synapse. Wust. pickt. Organismus. ausjäten. Koppelung. Prozedur. chronisch. multipel.

Fast schon stoisch schreibe ich die Erklärungen dahinter. Mich wundert es auch nicht, dass Wörter wie Neuron und Synapse, die gerade im Bio-LK behandelt werden, unbekannt sind. Nachgeschlagen hat zu Hause niemand, worin auch? Keine Familie der 12a besitzt ein Lexikon.Dafür hat man doch Google.  Und der Lehrer erklärt das doch auch. Warum sich also die Mühe machen?

Nachdem alle Wörter erklärt sind, fassen wir gemeinsam den Text zusammen. Ich bin mir sicher, dass trotzdem nur die Hälfte weiß, worum es geht. Die Klasse bekommt nun den Auftrag, die Kernaussagen auf einer Folie darzustellen.

Die Gruppe Tom-Nikolai-Ali versucht, ein Gehirn zu zeichnen.  Shania und Michael müssen erst einmal den Text lesen.  Irem, Konrad und Sebastian können sich nicht auf die Farbe des Folienstiftes einigen. Paul versucht Michelle zu überzeugen, ihm doch einen Textmarker zu leihen. Emre hat Dimitrij (der uns verlassen hat) in der Frage nach der “Energy” beerbt und fragt alle fünf Minuten: “Frl. Rot, darf ich Energy?” “N E I N!”

Nach ein paar Minuten beruhigt sich alles und die Gruppen arbeiten. Der Arbeitseifer haut mich zwar nicht vom Hocker, aber für die 12a ist das schon richtig gut.

Eine Mädchengruppe diskutiert wild. Da sie vor meinem Pult sitzen, bekomme ich recht viel mit. “Mensch, Bahar, frag die doch einfach.” “Nee, is viel zu peinlich, ich schwör!” “Aboo, dann kriegen wir nicht fertig!”

Ich tue so, als ob ich das nicht hören würde. Irgendwann fasst sich Sandy ein Herz: “Frl. Rot, wir wollen Gehirn zeichnen”, und zeigt mir dabei die Profilzeichnungen eines Menschen. “Das Gehirn sitzt doch hier, oder?” Sie zeigt auf den Nackenbereich. “Bahar meint, nicht!”

“Ich würde sagen, Bahar hat Recht. Da sitzt das Gehirn nicht.”

“Aboo, wo dann?” Jetzt ist Bahars Moment gekommen: “Sandy, Gehirn ist hier” (sie tupft  sich vorsichtig an die Stirn, bloß die Schminke nicht zerstören), “und hier” (sie fasst sich unter die Ohren).

Ich versuche, nicht zu lachen. “Nicht ganz.”

Nikolai hat der Diskussion gelauscht:  “Ihr seid echt assi! Gehirn ist hier!”, und er schlägt sich bei diesen Worten den Collegeblock auf den Kopf.” Stimmt das, dass Mensch noch lebt, wenn Kopf vom Körper getrennt wird? So für ein paar Minuten?”

Shania ergänzt. “Ist egal, wenn Herz nicht mehr schlägt. Hauptsache, Gehirn hat noch Luft. Dann lebt Mensch weiter.”

“Voll krass, ey.”

“Nein, das stimmt so nicht.”, versuche ich den Kurs wieder auf die richtige Spur zu bringen. “Erstens, das Gehirn sitzt hier. Zweitens, wenn ein Mensch geköpft wird, lebt das Gehirn nicht alleine weiter. Drittens, wenn das Herz nicht mehr schlägt, dann kriegt das Gehirn keinen Sauerstoff mehr und dann ist der Mensch tot.” Sehr einfach zusammengefasst, aber anders geht das bei der 12a nicht.

“Aber, im Fernseher…” “Nicht alles, was im Fernsehen gezeigt wird, ist richtig.”

“Aboo, Internet sagt das auch!””Nur weil das im Internet steht, muss das nicht richtig sein.”

Nikolai und Shania sind enttäuscht, weil ich ihre Vorstellungen zerstört habe.

Es wird wieder ruhig.

Nach kurzer Zeit meldet sich Shania. “Frl. Rot, wissen se was?”

“Nein, was?”

“Könnte auch schlimmer sein. Wenn wir kein Gehirn hätten, dann wären wir alle voll dumm…!”

Yoda – für Frau Weh

Liebe Frau Weh, ich hab’s versucht. Und jetzt gebe ich den Yoda an Sie weiter – für eine Kunstlehrerin bestimmt kein Problem.

(Frau Weh riet mir in einem Kommentar, statt Lichtschwertern aus Papier doch Yodas zu basteln. Hier der Link zum Kommentar nebst Link zur Bastelanweisung: klick )

Nachtrag: Wenn sich noch jemand bemüßigt fühlt, einen Papier-Yoda zu basteln: Ich bin gespannt auf Ergebnisse. Kann ja nur besser werden. Links dann bitte unten ins Kommentarfeld.

So sieht´s aus…

Ohne viele Worte. Kursliste im Jahrgang 11.

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Der Tag ist zu Ende – zum Glück

Ich wusste es.

Bereits beim Aufstehen war mir klar, das wird heute nichts mehr. Ich hätte im Bett bleiben sollen. Wäre auch wärmer gewesen.

In der Schule herrscht der Irrsinn.
Da ist dem Stundenplanprogramm einfach mal eingefallen, fünf Räume zu vergeben, die gar nicht existieren. War wohl ein bisschen beschwipst, das gute Programm. Den ganzen Tag irrlichtern Klassen durch die Flure, auf der Suche nach den Lehrern, die ja einen Raum für die Klassen suchen, von denen sie gesucht werden. Herrlich. Ein Spektakel. An Unterricht ist kaum zu denken. Ich vermisse Popcorn und Nachos.

Die Heizung ist seit Freitag letzter Woche ausgefallen. In einem alten, schlecht isolierten, zugigen Gebäude keine Freude. Schon gar nicht bei den aktuellen Außentemperaturen. Wenigstens waren die Mädels meiner Klasse so schlau, heute deckenähnliche Schals mitzubringen, in die sie sich einwickeln. Die Jungs sind noch zu cool dafür, sie frieren lieber. Ich hetze in der Pause schnell zum Auto – den Rest des Tages unterrichte ich in Jacke, Handschuhen und über dem Schoß ausgebreiteter Decke. Alle drei Varianten sehen lustig aus.

Der zweite Kurs (eine 11) ist neu für mich, den habe ich zum Halbjahr übernommen. Ich hätte argwöhnisch werden sollen, als der abgebende Kollege mir keine Auskunft zu dem Kurs geben wollte. Zwei Mädchen schlagen sich den Collegeblock an die Stirn, als ich das neue Reihenthema bekannt gebe. Die besprochenen Bewertungskriterien kommentieren sie mit einem “krass, voll assi”. 90 Minuten gebe ich alles. Trotzdem: Der Kurs redet nur das Nötigste mit mir. Das ist anstrengend, denn ich muss wirklich alles aus ihnen herauskitzeln. Geistige Steinbrucharbeit. Am Ende der Stunde friere ich nicht mehr ganz so schlimm.

In der zweiten Pause versucht eine Fachkonferenz, einen neuen Termin für eine halbstündiges Treffen zu finden. Es wird vorgeschlagen, dass ein Kollege und ich extra zur 0. Stunde kommen sollen, obwohl unser regulärer Unterricht erst zur 6. anfängt. Die Wartezeit könnten wir doch prima zur Vorbereitung nutzen?! Anders ginge es nicht, denn die Kinder…! Es wird wieder frostiger.

Die folgende Konferenz ist grausig. In der Aula ist es kalt und zugig. Die Technik spielt nicht mit, sie ist wahrscheinlich eingefroren. Jemand hat zur Überbrückung das Mikro an zwei kleine PC-Lautsprecher geklemmt. Es scheppert furchtbar, und die Sprecher klingen nun wie Darth Vader. Ich unterdrücke den starken Impuls, mir aus Papier ein Lichtschwert zu basteln.

Der letzte Kurs des Tages ist wieder meine Klasse. Es sieht immer noch aus wie im Zeltlager. Mittlerweile wurde einigen Jungs Decken-Asyl gewährt. Ich verteile heißen Tee.
Aber die Stimmung ist gut, mit der Truppe macht das Arbeiten wirklich Freude. Wir schaffen viel, jeder leistet heute einen Beitrag.
Am Ende der Stunde kommt Franziska auf mich zu.
“Frl. Rot, wissen Sie, Sie haben eine voll schöne Seele. Die ist warm und schön.”

Es wird wieder wärmer.

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