Mitten im Leben

Die schreckliche 12b ist in dieser Woche in einer Freiarbeitsphase. Sie sollen nächste Woche in Gruppen präsentieren. Da ich weiß, wie unwahrscheinlich Gruppentreffen in der Freizeit sind, habe ich großzügig drei Doppelstunden zur Verfügung gestellt.

Die Gruppen sitzen also in diversen Räumen zusammen und ich patrouilliere.

Im Klassenraum sind zwei Mädchengruppen geblieben: Eine Gruppe nur mit “Ausländern” (so bezeichnen sie sich selbst) und eine “gemischte” Gruppe.

Im Computerraum sitzen zwei Jungsgruppen, in der Mensa zwei weitere.

Anfangs bleibe ich im Klassenraum. Die Gruppen arbeiten recht zügig, ab und an entwickeln sich kurze private Gespräche. Das ist auch so in Ordnung. Da ich direkt neben ihnen sitze, bekomme ich natürlich die Gespräche mit.

“EY, VALLAH, schwör ich, ist voll HARAM!”, Nesrin kriegt sich gar nicht ein. “Spinnst Du? Ist nicht haram!”, hält Tugba dagegen. “DOCH!”, Nesrin schafft es, die Lautstärke noch einmal höher zu schrauben. “Mädels, etwas leiser bitte!”, mahne ich. “Frl. Rot, Sie wissen sicher!” “Mmh, was denn?”, ich bin nicht voll bei der Sache, denn ich zähle gerade die Fehlstunden. “Kannst Du nicht machen! Kriegst Du voll Stress, vallah!”, kreischt Büsra.

“Sus, tamam mι?!” Mir reicht es jetzt. “Was ist los? Warum geht das nicht leiser?”  Stille. Wenn man sie auf türkisch anmeckert, funktioniert das immer. “Abo, Frl. Rot…!”, Nesrin versucht es noch einmal, nur etwas kleinlauter. “Haben Sie Sex während, na, Sie wissen schon?” Alle drei schauen mich erwartungsvoll an. Au Backe. Das ist eine der Fragen, die man vorsichtig beantworten muss, weil das garantiert innerhalb von Sekunden in der ganzen Schule rum ist. “Mmh, das muss jedes Paar für sich selbst entscheiden. Die Frau muss das ja auch wollen. Und der Mann auch. Wenn es beiden gefällt?” “Ha, sag ich doch!”, meint Nesrin zufrieden. Tugba dagegen hat noch Einwände: “Abo, Frl. Rot, das…” “Tugba, an die Aufgaben, los!”, unterbreche ich sie.

Dann mache ich meinen ersten Rundgang. Die Gruppen in der Mensa arbeiten an ihren Laptops und hören parallel über Kopfhörer Musik. Ich setze zufrieden meinen Weg Richtung Computerraum fort.

Dort angekommen, lausche ich kurz an der Tür. Die Jungs sind etwas laut, aber das ist noch erträglich. Ich öffne die Tür ganz leise und schaue kurz auf die Bildschirme: Facebook, ICQ und diverse Spieleseiten sind offen. Ich schließe die Tür wiederum ganz leise, nur um sie dann laut aufzustoßen. “Hi!” Alle zucken zusammen und klicken hektisch die Fenster weg. Wie lustig!

“Dann lassen Sie mal sehen. Wie weit sind Sie?” Ich sehe spärliche Ergebnisse. “Und jetzt zeigen Sie mir mal, was Sie wirklich gemacht haben. Facebook? Spiele? ICQ?” Wie zur Bestätigung ploppt auf Fynn-Lucas Monitor eine Instant Message von “dirty_sexy_92″ auf. Fynn-Lucas Name ist “dj-fynnluc-91″. Er klickt die Message weg und scheint ein wenig peinlich berührt zu sein.

“Jungs, ein bisschen nebenher zu surfen ist in Ordnung, aber nicht die ganze Zeit. Auch die Arbeitsphase ist Teil der Bewertung.” Ich bleibe noch ein bisschen im Raum, Vertrauen ist gut, Kontrolle manchmal besser. “HA! Ich hab Sie gefunden!” Fynn-Luca ist wieder auf Facebook. Mein Profil erscheint auf seinem Monitor. Mehr als meinen Namen und mein Profilbild sieht er aber nicht. “Was soll denn das? Da sieht man ja nichts.” “Tja, Fynn-Luca, ich habe das absichtlich so eingestellt. Nur meine Freunde können mehr sehen.” “Blöd, echt jetzt.” “Nee, vernünftig!”, erwidere ich. “Haha, schauen Sie mal.” Sie zeigen mir ein Video von einem Hamster, der aussieht wie ein Panda. Ein Stimme singt dazu: “Panda macht nomnomnomnomnomnom.” Sie klatschen sich vor Lachen auf die Schenkel.

Zurück zu den Mädels im Klassenraum. Aus zwei Gruppen ist eine geworden. Ich höre Satzfetzen: Polizei … Jugendamt … Gericht … Zwangsehe … Mulatten.  Mulatten?

“Frl. Rot, stimmt das? Mulatte ist ein Schimpfwort?” “Ja, schon.” “Nicht für mich”, meint Florence. “Ich bin ja eine, ich darf das sagen.” Die meisten Mädchen können mit dem Wort gar nichts anfangen. Florence erklärt: “Ich bin ein Mischling. Meine Mutter ist südamerikanisch, mein Vater weiß. Und ich hab den belgischen Pass.” “Ach, bist Du auch Plastikdeutsche? Ich auch”, erwidert Barika. Ich komme nicht mehr mit. “Plastikdeutsche? Was heißt das denn?” “Ist doch voll einfach, Frl. Rot. Wir haben deutschen Pass, aber Herz und Familie ist in anderes Land.” Jetzt verstehe ich. “Nein, ich bin Belgierin”, korrigiert Florence. “Haben Sie denn auch mal in Belgien gelebt?”, frage ich nach. “Nein, den Pass habe ich nur wegen meiner Mutter. Ich bin in Deutschland geboren und habe noch nie woanders gelebt.” Migrationskinder haben manchmal eine höchst erstaunliche Vita.

“Frl. Rot, Florence hat gesagt, sie würde niemals einen Schwarzen heiraten.” “Stimmt!”, bestätigt diese. “Wissen Sie, schwarze Frauen sind dominant. Die verprügeln auch andere Frauen.” “Wie jetzt?”, fragt Bianca. “Wenn eine schwarze Frau einen schwarzen Mann mit einer weißen Frau sieht, verprügelt die Schwarze die Weiße. Die verprügelt auch den Mann, wenn es sein muss. Und schwarze Männer haben immer weiße Frauen, weil die sich so leicht lenken lassen. Und umgekehrt. Und Mulatten wie ich werden auch verprügelt.”  Ich versuche noch, ein bisschen Klarheit in diese Aussagen zu bekommen, scheitere aber.

Dann erzählt Bianca von ihrer Mutter, die von  diversen Versandhäusern gesperrt wurde, weil sie die Waren nicht bezahlt hat. Und davon, dass ihre Mutter dann mit  Biancas Daten bestellt hat und Bianca damit verschuldet hat. Bianca verklagt jetzt ihre Mutter. Die Familie spricht nicht mehr mit ihr, denn sie betrachten Biancas Verhalten als Verrat. Sie will ausziehen, aber das Jugendamt unterstützt sie nicht.

Yasmin berichtet, dass ihre Eltern sie in den letzten Ferien verheiratet hätten. Ihr Mann sei ihr Cousin und soll nun nachkommen. Sie ist verängstigt, berichtet von der Hochzeit und der anschließenden gemeinsamen Zeit mit ihrem Mann: Gewalt und Vergewaltigungen. Hilal umarmt sie mit den Worten “Ich auch.” Ich schicke beide sofort zur Schulsozialarbeiterin.

Nun gehen auch bei den anderen Mädchen die Herzen auf. Ich lasse sie erzählen, denn sonst bleibt im regulären Betrieb nur wenig Zeit dafür. Ist auch ganz gut, dass die Jungs nicht dabei sind.

Ich erfahre, dass bei einem Mädchen alle Familienmitglieder nur zuhause sitzen, niemand geht arbeiten. Sie wird dafür verhöhnt, dass sie zur Schule geht. Manchmal hat ihr Vater einen Wutanfall und zerreißt ihre Schulsachen. “Und Bücher sind so teuer, Frl. Rot.” Bei einer anderen stehen Gerichtsverhandlungen an, bei anderen sind Geschwister/Eltern schwer erkrankt. Franca und Nicole gehen nach der Schule fast Vollzeit arbeiten, damit die Familie überhaupt Lebensmittel kaufen kann, weil Hartz IV verjubelt wird. Esma pflegt ihren Vater. Sheima kümmert sich um ihre vier jüngeren Geschwister, weil die Eltern im Schichtdienst arbeiten. Und wenn dies länger dauern würde, dann müsse sie zuhause bleiben und sich um die Geschwister kümmern. Das kommt in letzter Zeit häufig vor. Die Eltern haben kaum Verständnis dafür, dass Sheima pünktlich zur Schule muss. Franca und Melanie nicken, sie kennen das.

Viele haben schon jetzt in jungen Jahren ein Päckchen zu tragen, das mir den Atem verschlägt. Es erklärt vieles. Die 12b wirkt auf einmal viel weniger schrecklich.

Dann kommen die Jungs zurück. “Frl. Rot, wie macht der Panda?” Und alle singen im Chor: “Panda macht nomnomnomnomnomnomnomnomnom!”

Ehrlich, RTL. “Mitten im Leben” ist ja sowas von untertrieben.

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15 responses to “Mitten im Leben”

  1. Wild Flower says :

    Wow, beim Lesen der haram-Episode dachte ich noch, wie extrem sich die Distanz zwischen Lehrern und Schülern seit meiner Schulzeit vor 13-14 Jahren verringert hat und dass ich das nicht besonders gut finde. Wir sollten Ergebnisse erbringen, nicht mit den Lehrern über Privates oder Intimes quatschen. Scheinbar sind diese Gespräche aber teilweise doch sehr nötig… :-/

  2. Nadine says :

    Yasmin und Hilal wünsche ich alles Gute, und hoffe, dass sie aus dieser “Ehe” irgendwie wieder rauskommen.
    Das Päckchen von Franca und Nicole oder auch das von Bianca möchte ich auch nicht tragen müssen.

  3. nickel says :

    Oh Gott, das sind wirklich schreckliche Fälle. Ich hab grad Gänsehaut, weil mich das so berührt.

    Solche Beispiele tragen leider zu dem negativen Bild bei, das viele von Migranten haben. Sarrazin und Co sind da auch nicht sehr hilfreich.

    Ich hoffe wirklich, dass die Mädchen da irgendwie raus kommen. Aber wenn das Jugendamt schon nicht helfen will, was soll man da machen?

  4. Nicole says :

    Auch wenn du die 12b bis jetzt eher als schrecklich empfunden hast, stehst du wohl gut im Kurs. Denn ich bin mir sicher, dass sie ihre Lebensgeschichten nicht jedem Lehrer anvertrauen :-)
    Es ist wirklich hart, was die Mädels in ihrem Leben schon alles “ertragen” müssen. Hmmpf.

  5. Carsten Schultz says :

    Dass Du meinst, Sex während der Menstruation (ich nehme an, darum ging es) wäre prinzipiell in Ordung, beantwortet aber nicht die Frage, ob das haram ist, oder?

    • Frl. Rot says :

      Darum ging es. ICH meine, das muss jedes Paar für sich entscheiden. Meine Vorlieben stehen weder hier noch in der Klasse zur Debatte :-)
      Die haram-Frage konnte bis jetzt nicht geklärt werden.

      • Carsten Schultz says :

        Entschuldigung, ich hatte Deine Antwort nicht gesehen, weil ich mich irgendwie auf eine Mailbenachrichtigung verlassen hatte.

        Dass nicht das Thema ist, wie Du das hältst, ist schon klar. Was ich meinte ist, dass Du das für nicht irgendwie unmoralisch, ungesund oder sonstwie prinzipiell abzulehen hältst. Das ist eine sehr sinnvolle Einstellung, die ich teile, und ich finde es auch gut, wenn Du das gegenüber den Schüler(inne)n vertrittst. Auch selbstverständlich eigentlich.

        Ich war mir nur nicht sicher, ob das die Frage war, oder ob die Schülerinnen tatsächlich wissen wollten, ob das gegen ein religiöses Gebot verstößt. Kurzes Googeln führt zum Beispiel zu http://en.wikipedia.org/wiki/Islamic_sexual_jurisprudence#Menstruation
        Warum man etwas darauf geben sollte, das in einem alten Buch steht, ist natürlich eine andere Frage.

        Gruß

        Carsten

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  1. Girls’ Day « Frl. Rot - 2. Juli 2012

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