Tag-Archiv | Lehrersprüche

Ach, Du bist das!

“Thomas, warte bitte mal!” Ich hetze hinter Thomas her.

“Mmh? Ich habe nicht so viel Zeit, ich muss noch eine rauchen, bevor ich in die schreckliche 7 muss.”

“Thomas, ich hatte Dir letzte Woche eine E-Mail geschrieben. Hast Du die bekommen?”

“Huh?”

“Na, die E-Mail wegen der Abschlussfeier. Wegen der Planung. Wer die Blümchen kauft, wer die Getränke und welche Musik wir spielen sollen.”

“Ach, Du warst das. Ich konnte irgendwie mit dem Namen nichts anfangen.”

“Ja, ich war das. Und?” Will der mich veräppeln? Da kann man dann nicht antworten?

“Ja, können wir machen. Aber ich habe da nicht viel mit zu tun, da musst Du die anderen fragen, die auch FOR-Klassen haben.” Er steckt sich eine Zigarette an.

“FOR? Nee, ich habe Dir eine E-Mail wegen der FHR geschrieben.”

“Ach, dann warst Du das doch nicht?”

“Offensichtlich nicht.”

“Aber was warst Du dann?”, fragt er und pustet mir den Zigarettenrauch ins Gesicht.

“Jetzt gerade? Sauerstofflos”, huste ich.

Er schaut mich intensiv an.

“Ach, Du bist das!”


Edit:

FOR = Fachoberschulreife (Realschulabschluss)
FHR = Fachhochschulreife (Fachabitur)

Schüler stören nur

Von meiner Freundin Viola Suhr habe ich hier ja schon berichtet: klick

Viola ist ein ganz besonderes Exemplar Lehrer, das durfte ich in dieser Woche wieder erleben. Telefonieren können wir nicht, denn das ist ihr zu anstrengend. Unsere Konversation läuft z.Zt. nur über Facebook. Ich finde das etwas anstrengend, aber gute Freunde haben ja auch das Recht, eine Zeit lang anstrengend zu sein.

Wir chatten also mal wieder. Immer, wenn ich ihre Ansichten nicht gut finde oder teile, schiebt sie einen Grund vor, um den Chat zu beenden.

Viola: “hi, ich bin kaputt. ich bin so froh, wenn diese blöden 13er endlich weg sind.”

Frl. Rot: “Auch hallo! Welche meinst Du? Meine alte Klasse?”

Viola: “ja, die sind echt total scheiße.”

Frl. Rot: “Wieso, was haben sie denn gemacht?” Komisch, ich kann mich gar nicht daran erinnern, dass die so “scheiße” waren. Ich erinnere mich an eine lebhafte, aber interessierte und motivierte Klasse.

Viola: “die sind einfach da. das reicht schon.”

Frl. Rot: “Aber die müssen doch etwas gemacht haben.”

Viola: “die wollen, das ich material kopiere, für die abivorbereitung. dabei haben die doch schon alles aus den letzten jahren.”

Frl. Rot: “Mmh, das finde ich jetzt nicht so schlimm.”

Viola: “ey, ganz ehrlich. die können doch im internet recherchieren. tun die doch sonst auch immer.”

Frl. Rot: “Aber was ist denn so schlimm daran, wenn Du ein paar Übersichten kopierst?”

Viola: “das ist doch verschwendet. perlen vor die säue”.

Frl. Rot: “Viola, denk mal daran, was passiert, wenn einer von denen Einspruch einlegt, weil sie sich nicht richtig vorbereitet fühlt.”

Viola: “schule könnte echt schön sein. nur die schüler stören.”

Frl. Rot: “Viola!”

Viola: “hörmal, es ist dinnertime. Bis später oder so.”

(…)

Viola: “und, was machste noch so?”

Frl. Rot: “Ich sitze gerade an den Präsentationsplänen der 12er. Da fängt jetzt die Referatsreihe an.”

Viola: “boah, referate. grausig. da kann man schon zu anfang des schuljahres die noten eintragen. dann erspart man sich doch total viel stress.”

Frl. Rot: “Wie meinst Du das?”

Viola: “ganz einfach. noten gibts eh nur von 1,2,3. das geht dann nach optik.”

Frl. Rot: “Du machst Witze. Bitte sag mir, dass Du Witze machst.”

Viola: “ich will keine Selektion betreiben. außerdem: alle sind zufrieden, ich habe keinen stress und die eltern tanzen dann auch nicht bei mir an.”

Frl. Rot: “Dann kuschelst Du aber alle!”

Viola: “und? ich habs dadurch leichter. da fragt hinterher kein mensch mehr nach.”

Frl. Rot: “Aber das ist nicht unsere Aufgabe. Klar stresst die Schule, aber deswegen kann ich doch nicht alle Grundsätze über Bord werfen.”

Viola: “ja, in der theorie. aber so im Alltag, ist das doch unwichtig. außerdem machen das andere doch auch so.”

Frl. Rot: “Entschuldige, aber das kann ich echt nicht glauben. Die Noten haben auch einen Sinn, weißt Du noch? Qualifikations-, Selektions-, Sozialisations- und Legitimationsfunktion!?”

Es entsteht eine Pause, Viola wird noch als online angezeigt, sie antwortet aber nicht.

Kurz darauf erhalte ich eine SMS: “Hi, facebook kann bei mir nicht angezeigt werden. melde mich ein anderes mal wieder.”

Schule kann so schön sein. Wären da nicht die Lehrer wie Viola Suhr.

Alcopops und Handlungsorientierung

Ich war heute bei einem Unterrichtsbesuch dabei. Nicht an meiner eigenen Schule, sondern bei einem Mitreferendar meiner Referendarin. Unser hiesiges Ausbildungsseminar findet, das sei eine gute Idee. Überprüfbarkeit der Ausbildung, Teamverständnis der Ausbildungslehrer usw. Vor allem aber soll die Unterrichtspraktische Prüfung simuliert werden. Ich darf die Prüfungsvorsitzende spielen.

Der Referendar ist sichtlich nervös. Kein Wunder, denn hinten in der Klasse sitzen sage und schreibe acht Personen: Die zwei Fachleiter, der Hauptseminarleiter, der Schulleiter, der Ausbildungskoordinator, die Ausbildungslehrerin, meine Referendarin und ich. (So ein Quatsch, übrigens!)

Die Ausarbeitung sieht vielversprechend aus, das Thema auch: Alkoholismus und Koma-Saufen bei Jugendlichen.

Zur Veranschaulichung hat der Referendar Alcopops-Flaschen mitgebracht. Leere Flaschen natürlich. Die Stunde läuft, die Flaschen gehen herum, die Inhaltsstoffe werden analysiert und mit der Werbung verglichen. Zusätzlich wird der Umgang von Jugendlichen mit Alkohol thematisiert. Ergebnis der Stunde ist, dass die Industrie in Bezug auf die Alcopops bewusst Jugendliche anspricht und die Inhaltsstoffe, besonders den Alkoholgehalt, verschleiert.

Trotz kleinerer Fehler gefällt mir die Stunde. Die Schüler werden aktiviert, sie haben eine Anknüpfung an ihre Lebenswelt, jeder steuert etwas zu dem Unterricht bei. Die ausgelobten Stundenziele werden erreicht. Der Referendar scheint erleichtert zu sein.

Bis zur Nachbesprechung…

Ich frage: “Was hätten Sie denn getan, wenn die Schüler Sie gefragt hätten, wie Sie die Flaschen leer bekommen haben?” Er schmunzelt: “Dann hätte ich entweder die Wahrheit gesagt – ich hatte mit Freunden einen lustigen Abend. Oder ich hätte gelogen und gesagt, ich hätte die Flaschen in den Abfluss geleert. Ich glaube, das hätte ich von der Situation abhängig gemacht.” So eine Antwort hatte ich erwartet.

Der eine Fachleiter zählt die positiven Aspekte der Stunde auf, der andere Fachleiter ergänzt. Auch der Ausbildungskoordinator scheint zufrieden. Der Hauptseminarleiter sagt wenig, das sei schließlich nicht sein Fach, da könne er nicht viel zu sagen.

Die Runde schaut die Schulleiter erwartungsvoll an. “Nun, Herr Referendar. Die Ansätze waren gut. Aber die Ausführung!” Der Referendar schluckt. Ich bin gespannt, was noch kommen mag.

“Sie haben in Ihrem Entwurf ja ausdrücklich von Handlungsorientierung gesprochen. Das konnte ich aber nun gar nicht erkennen.”

Die Ausbildungslehrerin wagt einen kleinen Einwand, wird aber sofort unterbrochen: “Richtig handlungsorientiert wäre es erst dann, wenn die Schüler die Alcopops auch probiert hätten.”

Es wird totenstill. Ich überlege kurz, ob ich laut lachen soll. Das ist bestimmt ein (schlechter) Witz!Ich entscheide mich dagegen, wende aber ein: “Herr Schulleiter, das würde dem Jugendschutzgesetz widersprechen. Alkohol ist erst ab 18 Jahren erlaubt. Zusätzlich vermute ich, dass auch in Ihrer Schul-/Hausordnung der Alkoholkonsum verboten ist. Außerdem sind die Schüler alle erst um die 16 Jahre alt!”

Der Referendar nickt mir dankbar zu.

Der Schulleiter giftet mich an: “Also Frl. Rot, ich bin hier der Schulleiter. Also bin ich auch der Hausherr. Ich kann entscheiden, ob meine Schüler im Unterricht Alkohol trinken dürfen oder nicht!”

Ach so.

Wenn ich also demnächst im Unterricht über die Todesstrafe,  über Kindeswohlgefährdung oder die Wirkung von Drogen spreche, kann ich das im Vorfeld (mit den Schülern) praktisch erproben?

Sind doch bald Ferien!

Es ist schon irgendwie merkwürdig. Kaum rücken die Ferien in greifbare Nähe, flippen alle aus. Kollegen, Eltern, Schüler, Schulleitung.

Die Schulleitung schickt im Stundentakt E-Mails raus. Inhalt: Vieles, was bis gestern, ach was, bis vorgestern erledigt werden musste: Änderung des Schulprogramms, Evaluation der Schülerbefragung,  Evaluation der Krisenübung (wir haben einen Amoklauf geübt), Aufräumen, Umräumen, Planung des pädagogischen Tages, Tagesordnung der nächsten Lehrerkonferenz, Sitzungen der verschiedenen Schulgremien.

Jede E-Mail wird unterzeichnet mit “schöne Ferien trotz Korrekturen”. Der hat gut reden, denn er hat ja wegen absoluter Freistellung keinen Unterricht. Also auch keine Korrekturen.

Kommt man in den Unterricht, sieht man folgendes Bild: Die eine Hälfte der Klasse ist kleidungstechnisch noch im Winter. Schals, Mützen, dicke Jacken. Diese Kleidungsstücke werden im Unterricht auch nicht ausgezogen. Die andere Hälfte dagegen ist schon im Hochsommer angekommen. Die Jungs tragen diese knapp unter den Knien abgeschnittenen Schlabberhosen, Muskel-Shirts und riesige Pilotenbrillen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie wir in den 90ern froh waren, als die Dinger endlich out waren. Der Look wird komplettiert mit neonfarbenen, fluoriszierenden Tunneln im Ohr (“Schauen Sie mal, die leuchten auch im Dunkeln!), strubbeligen Haaren und irgendetwas, was aussehen soll wie ein Drei-Tage-Bart. Die Mädchen tragen minimalste Kleidung. Röcke, die man als Gürtel bezeichnen würde, bauch- und schulterfreie Tops. Dazu dunkelbraune Haut (Sonnenbank!) und mörderisch hohe Schuhe. Gaben die Mädchen im Winter mal eine Runde Handcreme aus und die Jungen Labello, sind es bei den Mädchen nun Bronzer, Lipgloss und Haarspray, bei den Jungs Tunnel und Deo.

Allen gemeinsam ist die Frage: “Und, gucken wir einen Film? Sind doch bald Ferien!” “Film! Film!” Film!” (Auch schon Wochen vorher.)

Von den Eltern hört man auf einmal auch etwas. Stellen sie sich sonst tot, vergessen Termine, sind nicht erreichbar oder haben unglaublich viel zu tun, so sind sie jetzt besonders engagiert: Befreiungsanträge vom Unterricht flattern ins Haus. Die Flüge seien einen Tag vor Ferienbeginn viel billiger, die Mitfahrgelegenheiten günstiger oder All-Inclusive sei nur so machbar. Wir hätten doch sicher Verständnis, schließlich könnten wir dann doch auch einen Tag eher… ?!

Im Lehrerzimmer üben die Kollegen hingegen für eine Aufführung des Stückes “Die Korrekturen”. Mehrstimmig und in Moll wird das Klagelied geprobt: Bis spät in die Nacht! Fünf Klassensätze! Acht Klassensätze! Alles Oberstufe! Alles Mittelstufe, dafür aber mit ganz schlimmer Orthografie! Korrekturen im Urlaub! Urlaub- hast Du es gut!  Urlaub? – Ist nicht drin, die Korrekturen! Ostern, versaut!

Herr Bühle ist da ganz vorne mit dabei.

Viola Suhr klagt am Telefon, wie schrecklich es doch sei, dass sie sich kurz vor den Ferien was getan habe. Gestolpert, über die hohen Korrekturstapel auf dem Boden des Arbeitszimmers. Und so ein Pech, nur der linke Arm sei ein bisschen verstaucht. Nicht die Korrekturhand! Aber nicht mit ihr! Sie sei sofort zum Arzt gegangen und habe sich bis zu den Ferien krankschreiben lassen. Sollen ihre Korrekturen doch die Kollegen übernehmen. Sie brauche erst einmal Erholung. Der Schreck!

Wie gesagt, bald sind Ferien.

Viola und der schlechte Ruf der Lehrer

Ich habe am Wochenende mit einer “alten” Freundin telefoniert, mit Viola Suhr.

Viola ist so alt wie ich, verheiratet, hat drei Kinder und lebt in der schönsten Pampa, die man sich vorstellen kann. In Bad Münchburg. Dort habe ich auch einmal gewohnt. Kommentar eines Freundes: “Hier will man aber auch nicht tot über´m Zaun hängen…!”

Meine frühere Wirkungsstätte Bad Münchburg ist geprägt von vielen kleinen Haufendörfern, in die eine Straße zwar hineinführt, aber keine heraus, vielen religiösen Gemeinden unterschiedlicher Richtungen, sehr viel Land, kaum Stadt, und sehr altmodischen Ansichten.

Viola kam wie ich frisch aus dem Referendariat an die Schule. Ich hatte meine Heimatstadt bereits für das Referendariat und nun für diese Stelle verlassen, Viola hatte alles in Bad Münchburg absolviert. Abitur, Studium, Referendariat.

Viola wurde sehr schnell zu der Sorte Lehrerinnen, die über alles und jeden jammern.

Bereits im ersten Gespräch teilte sie mir mit, dass ich sie bloß nicht mit ihrem Doppelnamen anreden solle. “Geheiratet habe ich nur wegen der Sozialpunkte, damit ich in Bad Münchburg bleiben kann. Und der Name hängt da nur dran, weil ich Hans nicht enttäuschen wollte.”

Viola hatte es zudem sehr schnell raus, immer zu Konferenzen, AG´s und Lehrerfesten krank zu werden. Sie sagte mir dann, sie würde einfach zu ihrem Hausarzt gehen und um eine Pause bitten.

Bei Vertretungsstunden “übersah” sie den Benachrichtigungszettel im Fach.

Dann kamen die Kinder, entsprechend die Elternzeit und dann der Wiedereinstieg – immer zum Halbjahr, oder noch schlimmer, kurz vor den Prüfungen. Das ist stundenplanerisch schon sehr undankbar, da muss man meist nehmen, was kommt. Viola hingegen stellte Forderungen: “Also, ich mache gerne noch eine Stunde Sowi zusätzlich, aber nur in einer Klasse, die ich schon kenne. Ich lerne keine neuen Namen!”

Obwohl es akuten Mangel in ihrem Zweitfach gab, bestand sie darauf, nicht in der Oberstufe eingesetzt zu werden: “Nein, das ist mir zu viel, ich will keine Abschlussarbeiten korrigieren müssen. Außerdem habe ich da keine Kopiervorlagen!”

Bei jedem Treffen und jedem Telefonat beklagte sie sich über die hohe Arbeitsbelastung, die sie hätte: Drei Klassen! Mit zwölf Stunden dreimal in der Woche an der Schule! Dann auch noch freitags! Und montags auch! Die ganzen Konferenzen, das wäre doch total unfair, dass sie, die nur eine halbe Stelle hätte, an allen Konferenzen teilnehmen müsse!

Diese Auflistung aller “unfairen” Dinge im Leben eines Lehrers ließe sich unendlich weit fortsetzen. Man nehme einfach nur die gängigen Vorurteile – sie passen alle auf Viola.

Am Wochenende dann das besagte Telefonat. Wir bringen uns gegenseitig auf den neuesten Stand und dann fragt sie mich nach meiner Unterrichtsvorbereitung.

“Sag mal, wie machst Du das eigentlich?”

“Öhm, ich habe ein paar gute Bücher, z.Zt. muss ich mir viel zusammenschnippeln, weil das auch für mich neue Themen sind. Ich habe auch viel Geld in neue Unterrichtswerke investiert!”

“Echt, du schnippelst noch? Ich arbeite nur noch mit dem Buch. Das ist zwar nicht gut, aber kopieren will ich nicht mehr. Tafelbilder habe ich auch abgeschafft. Und Bücher kaufen? Nee, also echt nicht, mit meinem schwer verdienten Geld kann ich besseres anstellen. Ich arbeite mit dem, was in der Schule ist!” Das ist nicht viel.

“Wie, du kopierst nicht mehr und machst keine Tafelbilder? Wie machst Du denn dann Deinen Unterricht?”

“Den Fachunterricht organisiere ich mir so, dass ich nur minimal vorbereiten muss. Die können dann alle an Referaten und in Projekten arbeiten.”

“Du meinst, so für zwei oder drei Wochen?”

“Spinnst Du? Dann müsste ich dem Rest ja wieder hinterherrennen.”

“Das ist jetzt nicht Dein Ernst, oder? Das ist ja wie in den schrecklichen Uni-Seminaren, in denen man mit Referaten malträtiert wurde und nichts gelernt hat!”

“Frl. Rot, weißt Du was, Anfang des Schuljahres habe ich eine Reihe zur Rollen-Sozialisation gemacht. Das war so anstrengend, weil immer nur ich das Material rangekarrt habe!”

“Äh, Viola, wer soll das denn sonst machen?”

“Na, die Schüler.”

“Viola!”

“Ist doch wahr. Warum soll ich das immer machen?”

“Viola, das ist Dein Job!”

An der Stelle endet das Telefonat. Viola schmollt, ich bin fassungslos.

Und ich bin kein bisschen erstaunt darüber, wie die Menschen zu den ganzen Vorurteilen über den Lehrerberuf kommen.

Die Spannbreite ist groß: Die Mehrheit ackert wie blöde und hat 50-Stunden-Wochen, bei einer Minderheit wird die Freizeit durch die Schule unterbrochen.

Sprüche eines doofen Tages

Heute ist ein doofer Tag. So richtig doof.

Jason aus der 13 begrüßt mich in der Eingangshalle mit den Worten “Hallo Frl. Rot! Wir sehen uns in der Hölle.”

Im Lehrerzimmer werde ich von Herrn Bühle mit den Worten “Du hast aber auch schon einmal besser ausgesehen. Ist schon hart, wenn Schminke nicht mehr das Alter überdecken kann, nicht wahr?!” empfangen.

In der 12b bespreche ich die Klausurthemen. Mick fragt: “Sind das alle?” Ich antworte: “Die drei Themen, die wir hatten. Plus das, was heute und in der nächsten Woche noch kommt.” Mick daraufhin: “Ey, Sie müssen von Ihren Unterrichtsmethoden ja echt voll krass überzeugt sein.”

Die 12a ist heute vergleichsweise harmlos. Nach einem anfänglichen “Müssen wir das machen? Sie sind echt die härteste Lehrerin hier! Voll Porno!” werden sie sogar richtig nett. Nachdem ich ihnen erzählt habe, warum ich schlechte Laune habe (Herr Bühle!, allerdings nenne ich in der Klasse keinen Namen), bieten mir Nikolai und Michel wortreich an, Herrn Bühle für mich mal zu verprügeln. Auf dem Heimweg abfangen oder so. Ich lehne innerlich grinsend ab. Das Ding mit Herrn Bühle schaukle ich schon alleine. Und ohne Gewalt.

Meine eigene Klasse, die 12d, ist heute auf Schleimkurs. “Frl. Rot, Sie sehen heute so frisch aus!” “Frl. Rot, Sie haben die Haare schön!” “Frl. Rot, das Top ist voll schön!” Bahar kommt zu spät, sie hatte praktische Führerscheinprüfung. Michel gratuliert mit den Worten: “Ich habe den Führerschein schon fast 3 Jahre!” Ich rechne kurz nach und meine dann: “Und ich 18 Jahre!” Die Klasse schaut mich ungläubig an, dann bricht es aus Kevin heraus: “Wann haben Sie denn den gemacht? Mit 6?”

Fast schon besänftigt fahre ich nach Hause.

Im Supermarkt werde ich von einer älteren Dame mit dem Hakenroller malträtiert. Dann patscht sie alle meine Sachen an, die auf dem Warenband liegen. Als ich höflich darum bitte, das sein zu lassen, wird mir ein “Kein Respekt vor Älteren. Unverschämt!” entgegen geschleudert.

Und ganz zum Schluss meint mein Autoschrauber: “Das macht dann 666,87 Euro.” Er schiebt ein freudestrahlendes “Bitte” hinterher.

Ich lege mich jetzt aufs Sofa und ziehe mir die Decke über den Kopf. Für heute reicht es.

Herr Bühle und die E-Mail

Wenn das so weiter geht, wird Herr Bühle spielend die 12a ersetzen. Ist auch dringend notwendig, denn die 12 hört ja im Sommer auf.

Herr Bühle hat mir tatsächlich nach meinem Angebot im Lehrerzimmer (klick) eine E-Mail geschrieben, das kann er ja ganz gut (siehe hier: klick).

Sonntag, 03:45 Uhr kommt also die E-Mail. War anscheinend doch nicht so dringend, wenn man bedenkt, dass es am Freitag noch so pressiert hat.

Sein Problem: Er kann sich nicht in unser Intranet/Lernplattform einloggen. Er weiß aber nicht, warum.

Dabei ist das ganz einfach: Als Login dient die dienstliche E-Mail-Adresse, die sich aus dem individuellen Lehrerkürzel und der Schuldomain zusammensetzt. Also: kürzel@schulevonfrlrot.decomorg (z.b. abc@schulevonfrlrot.decomorg) 

Da wir uns bei Facebook geaddet haben, sehe ich, dass er gerade online ist. Ich nutze die Chance.

Ich: “Guten Morgen, Herr Bühle. Ich habe gerade Deine E-Mail gelesen.”

Er: “das hat aber lange gedauert. ich warte und warte! ich muss echt ganz dringend darein.”

Ich: “Warum hast Du nicht schon Freitag geschrieben, wenn es so dringend ist?”

Er: “da hatte ich zu tun. mit den jungs, fußball und so. warum hast du nicht sofort geantwortet.”

Ich: “1. Um die Zeit schlafe ich meistens. 2. Ich beantworte E-Mails nach Dringlichkeit.”

Er: “oh!!! krass, echt.”

Ich: “Hast Du bei Login Deine interne E-Mail-Adresse eingegeben?”

Er: “Ja, ich bin doch kein vollpfosten, mensch. email und passwort.”

Ich: “Aber Deine dienstliche?”

Er: “Ja.”

Ich: “Wie lautet die?” (Meine langjährige Erfahrung als System-Admin sagt mir hier, dass ich ganz kleinschrittig vorgehen muss.)

Er: “spinnst du? meinst du, ich weiß nicht wie die heißt?”

Ich: “Sag einfach.”

Er: “herrbühle@emailanbieter.decomorg”

Ich: “Das ist aber die falsche.”

Er: “nein, das ist meine emailadresse. die kenne ich doch.”

Ich: “Das ist Deine private, nicht Deine dienstliche.”

Er: “ach so”

Er: “wie is die denn?”

Ich: “Hab ich Dir doch geschrieben. Und steht im Kalender. Und am Schwarzen Brett. Kürzel@schulevonfrlrot.decomorg.”

Er: okok, ich probiers mal.” Pause “funzt nicht.”

Ich: “Was hast Du eingegeben?”

Er: “Kürzel@schulevonfrlrot.decomorg, ging nich und dann abc@schulevonfrlrot.decomorg. ging auch nich.”

Ich: “Hast Du das Wort “Kürzel” auch durch dein eigenes Kürzel ersetzt? “

Er: “muss ich das? aber das steht da nicht!!!!!!! :-0″

Übrigens: Herr Bühle hat das Kürzel “Buh”. Passt irgendwie.

Sie haben doch nichts am Kopf!

“Und weißte, hust, chrrm, was der dann echt zu mir gesagt? Chrmm, hust.”

Es ist früh am Morgen. Ich bin beim ersten Kaffee. Mein Freund Klaas meckert am Telefon. Ich verstehe nicht alles, weil Klaas´ Redeschwall ständig von Hustenanfällen unterbrochen wird. Klaas ist ebenfalls Lehrer, leider an einer anderen Schule. Wir haben zusammen das Referendariat überlebt.

“Nee, was denn?”

Chrmm. Ja, ob ich denn Vertretungsaufgaben chrrm schicken könnte. chrmm Vertretungsaufgaben! chrmm Ich bin krank! Hört chrmm der hust das chrmm nicht hust?”

[Der besseren Lesbarkeit wegen lasse ich ab hier die husts und chrmms weg. Der geneigte Leser stelle sich das Hustenkonzert bitte vor.]

“Ja, aber wahrscheinlich muss der das fragen, Klaas.”

“Weißte, wer sich schön passend zu den Abschlussprüfungen eine neue Hüfte hat einsetzen lassen? Na? Na? Na? Und wer keine Aufgaben schicken konnte?”

“Der Stellv?”

“Genau der. Die drei Wochen bis zu den Sommerferien hätte er ja wohl noch warten können. Aber nein. Da musste er ja wieder fit sein. Der Urlaub und so. Und ich Doofmann lege mir meine Arzttermine außerhalb des Unterrichts! Und dann bin ich einmal krank. Und dann so eine Unverschämtheit.”

“Ja, und was hat er nun gesagt?”

“Ich könnte ja … ich könnte ja sowas von ausrasten. Ich geh zum Lehrerrat!”

“Das hat er gesagt? Glaub ich nicht.” Mal ein bisschen den Skeptiker machen. Klaas regt sich dann immer so schön auf.

“Nimmst Du mich bitte mal ernst? Ich bin k r a n k und werde ungerecht behandelt!!! Hab ich Dir eigentlich schon erzählt, was der der Katharina gesagt hat? Unverschämt!”

“Mmmh.” Ich brauche mehr Kaffee.

“Die hat sich vor kurzem auch krankgemeldet und da hat er ihr gesagt, ´Frau Katharina, Sie sind krank? Gestern bei der Konferenz schienen Sie doch noch so fit!` Frechheit. Und er hat schon eine Verwarnung vom Lehrerrat bekommen. Der ändert sich nicht!”

Nun gut. Ich bin ja auch der Meinung, wer krank ist, ist krank. Der gehört ins Bett und nicht an den Schreibtisch. Ich wurde bis jetzt auch immer gefragt, “und, Ideen für die Vertretung?”

Dann habe ich mich pflichtbewusst an den Schreibtisch gesetzt und Texte abgetippt/eingescannt (was ich ja eigentlich gar nicht darf, Digitalisierung und Copyright und so). Meistens kostet mich das einige Zeit, weil ich eben nicht alles digital vorliegen habe. Der “normale” Unterricht bereitet sich irgendwie leichter vor.

Das Ganze maile ich dann an die Schule.

Nur um hinterher festzustellen, dass a) die Klasse doch frei hatte, b) der Kollege den Vertretungsplan nicht im Fach gesehen hatte, c) die Klasse nach einem Blick auf den Vertretungsplan blau gemacht hat oder d) irgendetwas anderes schief gelaufen ist. Noch nie, wirklich nie (!) konnte ich mich darauf verlassen, dass meine Aufgaben die Schüler erreichen. Wie oft bin ich schon in die Klasse gekommen in dem Glauben, sie hätten die Vertretungsaufgaben gemacht, und wurde angeschaut wie ein Auto.

Mein Fazit: Ich lasse es. Ich weiß, an deutschen Schulen gibt es zu viele Ausfallstunden. Aber wenn ich mich mal krank melde, dann habe ich auch was. Dann geht es mir nicht gut. Meist habe ich Fieber und einen Kopf, der sich anfühlt wie komplett in Watte gepackt. Natürlich muss man da auch konsequent “nein” sagen können. Eine Freundin vertritt vehement die Theorie, das Nachfragen sei so eine psychische Hürde, um Spaß-Krankmeldungen zu verringern.

“Frl. Rot, wie findest Du das?” Oh Mist, ich bin abgeschweift. Jetzt habe ich die Pointe nicht mitbekommen.

“Sag noch mal.”

“Und dann hab ich gesagt: `Ich kann nicht kommen, ich bin krank.´ Und dann hat er gesagt: `Vertretungsaufgaben?´Und ich wieder: `Ich bin krank, das geht nicht.´Und dann er: `Sie können doch noch sprechen. Also haben Sie nichts am Kopf und können noch denken!´”

Ich muss zugeben, der Spruch von Katharina war irgendwie krasser. Aber trotzdem. Ich pflichte Klaas bei, schließlich will ich ihn demnächst anrufen können. Die Berge von Klausuren, die dann hier liegen werden … !

Klaas meckert noch ein bisschen weiter, irgendwann ist mein Kaffee alle und Klaas´Stimme auch.

Muss ich den Telefonhörer eigentlich desinfizieren?

Nicht das Klaas mich ansteckt. Dann müsste ich ja in der Schule anrufen und … ach, lassen wir das.

Meine häufigsten Sätze im Unterricht.

In unsortierter Reihenfolge; manche häufiger, die anderen eher seltener:

  • “Guten Morgen!” Pause. Keine Antwort. “Guuten Moorgen!” Gemurmel, die erste Reihe antwortet. “Leute, ich bin da!!!” Mehr Gemurmel. “HALLO!!!”
  • “Ja, d i e ist auch schon da.”
  • “Nein, Sie dürfen nicht aufs Klo, in fünf Minuten ist doch Pause.”
  • “Nein, Sie dürfen IMMER NOCH NICHT in meinem Unterricht essen. Das ist schon seit August letzten Jahres so.”
  • “Abschreiben? Sie können auch die Tafel mitnehmen, wenn Sie das schaffen.”
  • “Nein, die Klausuren habe ich nicht dabei. Die Klausur war doch erst gestern.”
  • “Die Klausur war doch erst letzte Woche. Ich brauche auch mein Wochenende.”
  • “Die Klausur? Haben Sie etwa am Wochenende was für die Schule gemacht? Sehen Sie, ich auch nicht.”
  • “Oh, mir ist da was ganz Dummes passiert. Ich habe Ihre Klausuren vergessen. Die gibt´s dann nächste Woche.” (Und werden erst auf die allerletzte Minute korrigiert.)
  • “Die Blätter sind nicht gelocht? Der Locher ist geklaut.”
  • “Taschen vom Tisch!”
  • “Wer hat die Hausaufgaben nicht?”
  • “Könnten Sie bitte die Jacken ausziehen? Sie sind doch nicht auf der Flucht.”
  • “Doch, wir machen jetzt mal ein Fenster auf. Lieber erfrieren als erstinken.”
  • “Jaqueline, Sie müssen mehr im Unterricht mitmachen! Wenigstens einmal pro Stunde, ja?”
  • “Wer hat Tafeldienst?”
  • “Das Handy gehört gleich mir!”
  • “Ich weiß nicht, ob Herr Müller heute da ist. Hab ich ein Schild mit der Aufschrift “Auskunft” auf der Stirn?”
  • “Warum packen Sie schon ein? Die Stunde ist erst in fünf Minuten zu Ende.”
  • “Ich beende den Unterricht.”
  • “Können Sie in der letzten Reihe mal etwas leiser sein?”
  • “Hans-Klaus-Peter, das nächste Mal fliegen Sie raus!”
  • “Ja, das haben Sie gut gemacht!”
  • “Weiter so!”
  • “Leute, das war eine super Stunde!”
  • “Ja, ich habe gesehen, dass Sie sich heute gemeldet haben!”
  • Nein, Sie dürfen das Tafelbild nicht fotografieren.”
  • “Kennen Sie den Spruch: Von der Hand in den Verstand.”?
  • “Nein, ich zeige Ihnen nicht raubkopierte Filme!”

to be continued…

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