Tag Archive | Schüler

Der Kalender

Mensch, wo ist denn…? Wo habe ich denn nur…? Das kann doch nicht sein…!

Immer hektischer werdend suche ich in meiner Tasche nach meinem Lehrerkalender. Der muss doch irgendwo sein, ich hatte den doch gerade noch, oder?! Wo zum Teufel ist das Ding?

Ich stülpe vor einer staunenden, kichernden Klasse meine Tasche um. Bonbons, Kreidereste, Papierschnipsel, Taschentücher, Bücher und Hefter kullern auf den Tisch. Aber kein Kalender. Hätte mich auch gewundert, schließlich versteckt sich ein A4plus Planer nicht zwischen Bonbonpapieren.

“Leute, hatte ich gerade meinen Kalender in der Hand, als ich aufgeschlossen habe?” Die Klasse ist sich uneinig. Manche sagen ja, manche verneinen.

Ich rekapituliere schnell. In der ersten Stunde hatte ich ihn noch, da habe ich nämlich etwas zu Hannes’ Sozialverhalten eingetragen. In der Pause wollten Praktikanten und der Referendar etwas von mir und ich verliere die Spur.

Es hilft alles nichts, ich muss mit dem Unterricht anfangen. Der Kalender wird schon wieder auftauchen. Wir sprechen also über das aristotelische Drama, über Expositionen, retardierende Momente und Höhe- und Wendepunkte.

Gerade als ich der Klasse die geschlossene Form des Dramas erklären will, stelle ich fest, dass ein Drittel der Klasse gebannt auf den Schulhof schaut, von dem kleine Rauchwölkchen aufsteigen.

“Sehr spannend. Der Hausmeister verbrennt Laub.”, ich verdrehe die Augen.

“Ähh, nee, Frl. Rot. Das ist Hannes. Der ist ja gar nicht auf dem Klo. Der verbrennt Papier.”

Hannes? Papier? Meine Synapsen brennen ein regelrechtes Feuerwerk ab. Doch nicht mein Papier? Und blitzartig fällt es mir wieder ein: Ich hatte Hannes in der Pause den Schlüssel für den Klassenraum gegeben, damit er sich sein Getränk holen konnte. Und meine Tasche und mein Kalender waren im Raum. Ach, Quatsch, sowas macht der nicht. Das ginge dann doch zu weit und ich schelte mich selbst kurz für diesen Gedanken, labeling approach und so.  Aber Feuer auf dem Schulhof, das geht nun auch nicht.

Ich schaue aus dem Fenster. Außer uns sieht das wohl niemand. Ich seufze innerlich, gebe der Klasse einen Arbeitsauftrag und mache mich auf den Weg zu Hannes.

Unten angekommen sehe ich, wie Hannes aus einem gelben Buch Seiten reißt und in den brennenden Mülleimer wirft und dabei wie Rumpelstilzchen um den Mülleimer hüpft. Das kann doch nicht sein, das sieht echt wie mein Kalender aus…

“Hannes, was machen Sie denn da?”, schreie ich im zu. “Na, ein Feuer. Sieht man doch.” “Ja, aber, warum? Und womit?”. Aus dem Augenwinkel sehe ich den mit einem Feuerlöscher herbeieilenden Hausmeister.

“Frl. Rot, das Ding hier sollte Ihnen doch bekannt vorkommen, ne?”, er wedelt mit dem Kalender, “jetzt wissen Sie nicht mehr, wann ich gefehlt habe und die ganzen schlechten Noten sind weg. Ha!”

Meine Antwort wird durch das “Wusch” des Feuerlöschers und den keuchenden Hausmeister übertönt, und das ist vermutlich auch gut so.

Mittlerweile ist auch ein sich über den Lärm beschwerender Herr Bühle bei uns angekommen. “Frl. Rot, was soll das? Du störst meine Konzentration!” Der Hausmeister klärt ihn auf.

Herr Bühle mustert mich eingehend und meint dann: “Was regst Du Dich so auf? Selbst schuld. Du hättest ihm ja nicht aufschließen müssen. Wer den Schaden hat…”

Irgendwie ist Land unter…

… ja, so könnte man das beschreiben.

Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht mit Psychologen, Kollegen, Sozialarbeitern, der Schulleitung, der psychiatrischen Notfallambulanz, dem Bewährungshelfer, dem Jugendamt, der Arge oder der Polizei spreche.

Es ist schon erstaunlich, wie wenig jemandem geholfen wird, der um Hilfe bittet. Der Amtsschimmel wiehert mich bei jedem Versuch, zwei Schülern zu helfen, fröhlich an. Fast könnte man meinen, er lacht mich aus.

Auch wenn ich ähnliche Situationen schon früher erlebt habe, fühle ich mich dennoch hilflos. Den Umgang mit psychisch erkrankten Schülern lernt man weder im Studium noch im Referendariat. Wie die ganzen Behörden funktionieren und ob jemand zuständig ist, und wenn ja, wer, muss man durch unzählige kleine Schritte herausfinden. Zwischendurch muss ich immer wieder tief Luft holen, um zu verdauen, dass Eltern ihre Kinder so behandeln. Das hat niemand verdient.

Man lernt auch nicht, wie man auf Bedrohungssituationen reagieren soll, die von dem Klischee abweichen, jedoch aus dieser Erkrankung resultieren. Was man macht, wenn ein Schüler so autoaggressiv ist, dass es zum Schlimmsten kommt. Oder wie man die Kollegen in ein Boot holt, um zugegebenermaßen kreativ und von dem üblichen Schema abweichend, schülerorientiert und situativ zu arbeiten, wenn man einen Herrn Bühle im Team hat. Wie sich  Dynamik und Atmosphäre in einer Klasse in einem Sekundenbruchteil verändern können, weil nur eine falsche Bemerkung gemacht wurde.

Natürlich gibt es auch viele tolle Momente und, wie sollte es auch anders sein, Lustiges, das eigentlich einen Blogeintrag wert wäre. Ich komme nur nicht dazu.

Man könnte jetzt sagen: Es ist nicht Deine Aufgabe.

Doch, ist es.

Weil es sonst niemand tut.

Igitt!

Eines gleich vorweg: Ich mag meine Schüler. Jeder einzelne hat etwas an sich, das ich gut finde. Aber zeitweilig stoße ich wirklich an meine Grenzen… So auch vor kurzem, als in der Projektklasse eine vierstündige LK-Klausur ansteht.

Die Projektklasse ist speziell: Die Schüler kommen zur Schule, weil sie vom Jobcenter unterstützt werden. Das ist eine Art Kuhhandel: Versuchst Du Dich doch noch einmal an einem Schulabschluss, dann kriegst Du Geld von uns. Alle Schüler dieser Klasse sind volljährig und alle haben eine beachtliche Schulkarriere hinter sich. Nun sollte man meinen, dass der Schulbesuch nun ernster genommen würde, aber nein. Kaum betritt man die Schule, fällt man in alte Rollenmuster zurück.

Es gibt natürlich ein Hauen und Stechen darum, wer die Plätze in der hintersten Reihe bekommen wird. Obwohl wir seit über einem Jahr gemeinsam Unterricht haben, sind die Schüler immer wieder überrascht darüber, dass ich während der Klausur nicht die ganze Zeit hinter dem Pult sitze. Ich bespiele den ganzen Raum, wie mein Fachleiter immer so schön zu sagen pflegte.

Frieder beteiligt sich nicht an dem Kampf um die letzte Reihe, sondern geht zielstrebig zur ersten und schiebt einen Tisch direkt an mein Pult. Da der Raum recht klein ist, habe ich kaum Möglichkeiten, mit dem selbigen ein wenig nach hinten zu rutschen.

Ich verteile die Klausur. Nach dem anfänglichen “Boah, voll schwer, Alter!” und “Kann ich Stift?!” wird es ruhiger und alle beginnen. Ich hole die Thermoskanne raus und schenke mir einen Becher Kaffee ein.

Nach kurzer Zeit stört ein Geräusch die Ruhe: “Chhrrnnoooochchchchch”.

Ich blicke auf, kann die Quelle aber nicht entdecken.

Zwei Minuten später: “Chhrrnnoooochchchchch.” Ich blicke erneut auf.

Es ist Frieder. Er zieht die Nase hoch. Unauffällig schiebe ich ihm ein paar Taschentücher hin und hoffe, dass das Thema damit erledigt ist. Er schaut mich empört an: “Ich habe doch geniest, ich brauche keine Taschentücher. “Chhrrnnoooochchchchch”. Dann hustet er. Leider hält er sich nicht die Hand vor den Mund.

Während der folgenden Stunden fühle ich mich immer unwohler.

Frieder lässt seine Finger knacken. Er fährt sich ständig über die ungewaschene Justin-Bieber-Gedächtnisfrisur, sodass kleine Partikel auf die Klausur rieseln. Er pult sich in den Ohren und begutachtet den Ohrenschmalz, bevor er diesen in den Mund steckt. Er versucht, den Dreck unter den Fingernägeln mit einem Lineal zu entfernen. Er kratzt Pickel auf und zerreibt den Eiter zwischen den Fingern. Er entfernt Tierhaare von seinem Pulli. Alles, was auf den Tisch fällt, wird in meine Richtung gepustet, es stört ja bei der Bearbeitung der Aufgaben.

Mich überkommt langsam, aber sicher ein hochgradiger Ekel. Ich bespiele den Raum mehr als sonst, kann aber nicht ständig rumlaufen. Die Tische stehen so eng, dass die Laufgasse wirklich klein ist und ich an die Tische stoße. Das will ich den anderen Schülern nicht zumuten und ergebe mich tapfer in mein Schicksal.

Ich rücke soweit wie möglich vom Pult weg und krieche förmlich in die Tafel. Lieber Kreide auf dem Rücken als das, denke ich. Kann man ja waschen. Chhrrnnoooochchchchch”.

Ich überlege, was wohl bis heute die ekeligste Situation meines Lehrerdaseins gewesen ist. Angekotzt wurde ich häufiger, auf Klassenfahrten und im Primarstufenpraktikum. Angespuckt auch, sowohl von Schülern als auch von Eltern. “Chhrrnnoooochchchchch”. Angepinkelt ebenfalls, aber bei Babys ist das ja nicht so schlimm. Nein, das  hier toppt irgendwie alles. Vielleicht liegt es daran, dass ich der Situation nicht entkommen kann.

Frieder hat während dieser Überlegungen aufgehört, seine Popel zu essen. Er schnippt sie nun in meine Richtung.

Ein Badewanne voller Sterilium erscheint mir vor dem geistigen Auge. Direkt nach Schulschluss, der zum Glück mit dem Ende der Klausur zusammenfällt, fahre ich zur Apotheke und decke mich ein. Wie viel brauche ich wohl? So 200 Liter? *schnipp* “Chhrrnnoooochchchchch”.

Irgendwie überstehe ich die 180 Minuten. Ich hatte genug Zeit, mir mein weiteres Handeln zu überlegen und bin zu dem Schluss gekommen, dass ich das nicht unkommentiert stehen lassen kann. “Frieder, würden Sie bitte kurz warten? Ich möchte noch gerne etwas besprechen.”

“Chhrrnnoooochchchchch”. Er wartet. Als sich der Raum geleert hat, eröffnet Frieder das Gespräch: “Ähm, Frl. Rot. Ich wollte Ihnen auch etwas sagen.” “Ja, was denn?”

“Also”, setzt er an, “ich wollte Ihnen sagen, dass ich mich durch den Kaffee sehr belästigt gefühlt habe. Der stinkt. Können Sie das lassen? Chhrrnnoooochchchchch.”

Können Sie mal…?

Bin ich eigentliche die Einzige, die sich momentan in einer (gefühlten) Endlosschleife namens “Klausuren” befindet? Kaum hat man einen Packen weg, hüpft schon der nächste Klassensatz auf den Schreibtisch.

Neben schrecklichen kreativen Interpretationen und einfallsreichen Rechtschreibvariationen finde ich es auch immer wieder interessant, meine Schüler beim Schreib- und Denkprozess zu beobachten.

Von Mathis hatte ich ja schon berichtet (klick), aber auch der Rest der Truppe ist unterhaltsam.

Luca reagiert schon panisch, als ich den Klassenraum betrete: “Oh man, die Zeit, die Zeit!” Kaum hat er die Klausur vor sich liegen, fragt er: “Wie viel Zeit, wie viel Zeit?” Er  wird nach 30 Minuten abgeben.

Frida und Ali sitzen nebeneinander (zum Glück nicht ineinander verschlungen, wie sonst) und teilen sich eine Jumbo-Familien-Packung Studentenfutter. Sie schüttet den Inhalt der Tüte auf den Tisch, sucht sich aus dem Studentenfutter alles raus, was sie nicht mag und schiebt es Ali hin. Er pickt sich dann ebenfalls seine Lieblingsstücke heraus und fummelt den Rest wieder in die Tüte. Dann ist wieder Frida dran. Wegen der Jumbo-Größe der Tüte lassen sich damit zwei von vier Klausurstunden prima umkriegen.

Anastasia hat vier Pappbecher voller Kaffee vor sich stehen, dazu sechs Packungen Taschentücher, drei Tipp-Ex-Mäuse, fünf Tupperdosen und zwei Stofftiere. Als ich die Klausur verteile, mault sie: “Oh, ein DIN A3 Bogen? Der ist doch viel zu groß für den Tisch!”

Kevin schält beim Lesen des Textes eine Banane und wird diese dann, ohne Hineinzubeißen, die nächsten drei Stunden festhalten.

Das ein oder andere Mädchen kann wegen der langen Fingernägel den Stift nicht halten, das Umblättern gestaltet sich auch schwierig.

Bevor Jocelyn mit der Arbeit beginnt, werden erst einmal zwei weitere Stühle an den Tisch gezogen. Dann braucht sie 15 Minuten, um damit und dem Stuhl, auf dem sie sitzt, die perfekte Liegeposition zu finden. Schließlich wird noch der Pony mit einem Stift hochgezwirbelt und es geht los.

Emil hat eine Flasche Wein auf dem Tisch stehen. “Geht klar, oder?”, fragt er mich. Das Entsetzen ist groß, als ich auf die Schulordnung hinweise (kein Alkohol auf dem Schulgelände). Er schaut mich bittend an: “Ich habe aber nichts anderes dabei. Und vier Stunden ohne Getränk….” Ich opfere eine meiner Wasserflaschen und kassiere die Weinflasche ein.

Tim scheint vieles vergessen zu haben: “Kann ich die Quelle in Anführungszeichen setzen? Ich habe nur 5,5 cm Rand, nicht 6. Ist das schlimm? Mein Füller ist leer, kann ich mit Kuli weiterschreiben? Frl. Rot, sehen Sie, ich habe hier [zeigt auf eine Ergänzung] ein Sternchen gemacht und ich meine damit, …! Muss ich einen Einleitungssatz? Ja? Oh! Welches Datum haben wir heute? Darf ich auch auf der Rückseite…? Mein Ersatzkuli hat eine andere Farbe, ist das schlimm? Wie heißt das Wort noch mal? Frl. Rot, können Sie mal…?”

Na, aber sicher doch. Ich schnappe mir ein bisschen Studentenfutter und frage Tim: “Kann ich dann sofort korrigieren? Auch auf der Rückseite? In rot? Was, wenn ich die Sternchen nicht finde? Die Schrift nicht lesen kann? Oh, und wenn mir das Korrekturzeichen nicht einfällt, was dann? Können Sie dann…nein? Warum nicht?  Wenn die Tinte leer ist, kann ich dann mit Kuli? Ja? Krass. Ach, und Tim…”

Mack the knife

Irgendwie geht mir seit ein paar Tagen dieser Song* nicht mehr aus dem Kopf.

Die Geschichte, die sich hinter Bruchstücke Nr. 2 verbirgt, erzählt sich recht einfach.

Das Schuljahr  ist fast zu Ende. Die Zeugnisse stehen bevor und die Schüler wurden von den Fachlehrern über ihren Leistungsstand informiert.

So geschehen auch bei Anton aus der 11b.

Anton ist klein und eher kompakt. Seine Leistungen sind ungenügend. Er nimmt die Schule nicht ernst, obwohl dies seine letzte Chance ist. Immerhin ist dies die dritte Wiederholung der Klasse 11 – natürlich mit behördlicher Genehmigung.

Er ist der Älteste in der Klasse und gibt mit vielen Dingen an: Mädchen, Autos, Glücksspiel und angeblichem Waffenbesitz. Wenn er nicht mit seinem Handy spielt, hat er ständig einen Rosenkranz in der Hand. Er hat unfassbar viele Fehlstunden, weiß aber ganz genau, wann er wieder für einen Tag am Unterricht teilnehmen muss, damit er nicht fliegt.

Er macht keine Hausaufgaben, beteiligt sich nicht, verweigert sich bei Aufgaben, gibt Klausuren nach  15 Minuten ab und zeigt insgesamt ein äußerst großes Desinteresse an der Schule.

Außerdem hat er häufige Termine bei der Schulleitung. Bei der Schulsozialarbeit auch. Aber wir können ihn nicht rausschmeißen – er kennt die Tricks.

Anton wird die 11 also wieder nicht schaffen. Darüber sind sich fast alle Lehrer einig. Der ein oder andere gibt  ihm eine Gnaden-Vier. Ich nicht. Bei mir steht er auf einer sauberen sechs.

Es ist gegen 17 Uhr, als ich ihn zu mir herausrufe (Nachmittagsunterricht). Er hört sich stoisch meine Einschätzung seiner Leistungen an und spielt währenddessen mit seinem Rosenkranz. Raus aus der Hosentasche, rein in die Hosentasche, raus aus der Hosentasche, rein in die Hosentasche… Ich habe nicht den Eindruck, dass ihn meine Erklärungen erreichen. “Haben Sie noch Fragen?” Er zuckt die Schultern, sagt “danke” und geht wieder in die Klasse. Gegen 18 Uhr bin ich mit der Notenbesprechung und dem Unterricht durch. Die Klasse leert sich, ich packe meine Sachen zusammen, schließe die Fenster und stelle vergessene Stühle hoch. Dann drehe ich mich um und stehe Anton gegenüber. Er schaut mich finster an.

“Anton, ist noch was? Haben Sie noch eine Frage?” Er stiert weiter und spielt dabei mit einem Gegenstand in der Hosentasche. Ach, der Rosenkranz, denke ich mir.

Er macht mehrere Schritte auf mich zu und steht dann plötzlich ganz nah vor mir. “Sie müssen mir bessere Noten geben. Bitte.” Ich trete einen Schritt zurück (er steht in meinem Tanzbereich) und antworte: “Anton, das würde ich gerne, aber Ihre Leistungen lassen das aber nicht zu.” “Doch. Sie. Müssen.” Seine Hand, die gerade noch in der Tasche war, ist nun auf Bauchhöhe. Meiner Bauchhöhe.

Ich sehe mit Schrecken, dass er gar keinen Rosenkranz in der Hand hält. Es ist ein Messer, ein Butterflymesser. Klack-klack-klack, klack-klack-klack. Er lässt die Griffe und die Klinge hin- und herfliegen. (Wer sich darunter nichts vorstellen kann, kann hier vorbeischauen: klick)

“Anton, stecken Sie bitte das Messer weg!” Ich fasse es nicht. Spinnt der denn? Klack-klack-klack, klack-klack-klack. “Anton!”

“Huh? Was haben Sie?” Das Messer kommt näher. Es nähert sich meiner Brust. Klack-klack-klack, klack-klack-klack. “Ist Kunst.”

Pech für ihn (oder mich?), dass ich seine Fingerfertigkeit gerade überhaupt nicht würdigen kann. “Meine Note, Frl. Rot!” Klack-klack-klack, klack-klack-klack.

Ich habe nur einen Gedanken: Ich muss das Pult zwischen uns beide bringen. Es ist nach 18 Uhr, meine Klasse ist um diese Zeit die einzige in diesem Flur. Was hat die Polizei beim Amoktraining noch mal gesagt? Nicht den Helden spielen. Keine hektischen Bewegungen machen. Hilfe holen. Toll, das sind alles Tipps, wenn man noch andere Leute um sich herum hat. Was macht man, wenn man alleine ist, so wie ich?

Klack-klack-klack, klack-klack-klack.

Irgendwie rast die Zeit (von wegen Zeitlupe!) und ich schaffe es, das Pult zwischen uns beide zu kriegen. Ich fühle mich etwas sicherer.

Und dann mache ich etwas Dummes. Ich strecke mich zur vollen Körpergröße. Das sind heute dank der Absatzschuhe, die ich trage,  um die 1,85 m, damit bin ich gute 20 cm größer als er. Ich stemme die Hände in die Hüften, mache mich breit und sage mit eiskalter Stimme: “Sie legen jetzt s o f o r t das Messer auf das Pult oder Sie können etwas erleben.” Und dann stiere ich von oben herab. Ohne Zwinkern, ohne Blinzeln, ohne Wegschauen. Das geht eine gefühlte Ewigkeit so. Ich unterdrücke den Drang zu blinzeln. Endlich schaut er weg. Ich deute auf das Pult. “Ihr Messer.”

Er blickt mich unsicher an. “A N T O N. SOFORT.” Ich stiere immer noch, beide Hände an den Hüften. Immer noch von oben.

Ein letztes Mal klack-klack-klack, klack-klack-klack. Dann liegt das Messer auf dem Pult. Ich stecke das Messer schnell ein, hole mein Handy heraus und rufe die Polizei. Dann die Schulleitung.

Das Adrenalin rauscht durch mich hindurch, während ich der Schulleitung alles berichte. Es rauscht auch noch, als ich den Polizisten alles erzähle. Ich weiß nicht mehr, wie ich von der Fensterseite zum Pult gekommen bin.

Ich erstatte Anzeige. Die Polizisten sichern das Messer.

Einer der beiden sagt dann: “Sagen Sie mal, haben Sie ein Lineal hier?” Verwundert krame ich in meiner Tasche und reiche ihm eines. “Tja, da haben Se aber Pech. Das Ding hier ist nicht verboten.” “Bitte?”, ich bin fassungslos. “Wie, das Messer ist nicht verboten?” “Ja, wissen Se, die Klinge ist zu kurz und zu schmal, die gilt  nicht als Waffe nach dem Waffengesetz.”

Ich muss mich dann doch mal setzen. Der Polizist erläutert mir, dass es auch unüblich sei, das Balisong als Stichwaffe zu benutzen, man müsse schon sehr geübt darin sein. Nun, für mich sah das nicht so aus, als habe Anton zum ersten Mal so ein Messer in der Hand gehabt.

“Aber, Frl. Rot, die Messer sind ein prima Ersatz für Schlagringe. Wenn Se das in der Hand haben und dann zuschlagen, das gibt schon einen ordentlichen Wumms!” Der Polizist grinst mich an. Er freut sich offensichtlich, die Situation erklärt und mich beruhigt zu haben, dass Anton damit wahrscheinlich nicht zugestochen hätte.

Die Aussicht, damit geschlagen zu werden, finde ich auch viel beruhigender.


*Ja, es gibt auch andere Künstler. Mit Sicherheit auch bessere. Aber ich liebe das “Live at the Albert”-Konzert.

Hätten, könnten, sollten, wollten.

Ganz ehrlich: Ich finde Referate blöd.

Das war schon an der Uni so. Mein ganzes Studium bestand nur aus Referaten, Referaten, Referaten. Gehalten, gehört, geschlafen. Wenig Nachhaltigkeit.

In der Schule komme ich leider nicht immer an Referaten vorbei. Gerade in so Phasen wie kurz vor den Ferien/Zeugnissen stehen immer wieder Schüler vor mir, die “noch mal schnell” ein Referat halten wollen.Natürlich nicht, weil sie ein Thema so toll finden. Sie wollen die Note “pimpen”.

Noch schlimmer ist es in den rein mündlichen Fächern. Da gibt es keine Klausur und Tests schriftliche Übungen sind auch aufgrund ihrer Wertigkeit (wie eine mündliche Note für eine Stunde) wenig aussagekräftig.

Was macht man also?

Genau. Referate. Präsentationen. Kleine “Facharbeiten”, die dann, na was wohl, präsentiert werden müssen.

Die 11b ist aktuell in einer solchen Phase. Die schriftliche Übung war desaströs, ganz tief unten im Keller: 80% Fünfen und Sechsen. Und das, obwohl nur ein paar Folien gelernt werden mussten. Alle haben Schiss, das sie nicht versetzt werden.

Ich habe mit allen einzeln gesprochen, den Ernst der Situation besprochen. 29 Mal habe ich gehört: “Jetzt wird es besser. Sie werden sehen. Ich will das schaffen. Mit dem Referat kann ich viel reißen, oder? Das wird der Burner, ich schwör! Ich streng mich übertrieben an! Mach ich PowerPoint, voll krass. Haben Sie noch nicht gesehen, vallah! Ey, kann ich Film drehen? Mach ich Film!”

Nach vier Wochen Vorbereitungszeit ist heute der große Tag. Die Referate sollen gehalten werden. Handouts soll es geben, genauso wie eine maximal sechsseitige schriftliche Ausarbeitung. Beides muss heute fertig sein.

Zwölf Gruppen stehen auf auf dem Programm. Ausführlich habe ich mit ihnen besprochen, wie ein Referat geht. Alle wichtigen Daten Aspekte und ein Muster-Handout haben sie schriftlich bekommen. Sie hätten das eins zu eins übernehmen können. Hätten, könnten, wollten, sollten.

Von 29 Schülern sind 19 anwesend.

Davon sind gerade einmal vier Gruppen in der Lage zu präsentieren.

Keine Gruppe hat ein Handout oder eine Ausarbeitung.

Die erste Gruppe besteht nur aus einem Schüler, die anderen sind nicht da. Er liest einen Wikipedia-Artikel vor. Die Klasse klatscht und jubelt. “Geilomat, echt gut!” “Ja, voll Jackpot!” Ich frage “Könnten Sie auch den Bezug zum Fach herstellen?” “Häh?”, kriege ich zur Antwort. “Warum?” “Weil das Ihre Aufgabe war!” “Wusste ich nicht.”Ich verweise auf das Arbeitsblatt. “Hab ich nicht gekriegt.” Merkwürdig, der Schüler war in der Stunde da, als ich das Arbeitsblatt besprochen habe.

Gruppe zwei verweigert sich, ohne jede Begründung. “Geht nicht.”

Gruppe drei strengt sich an. Plakate, die nicht lesbar sind, aber schön bunt und glitzernd. Texte, die nicht ihre sind, sondern von Tante Google. Dafür bauen sie aber mehrere schöne Filmszenen ein (sogar von einer Kauf-DVD). Leider sind sie wenig kritisch, aber immerhin haben sie versucht, sich an die Vorgaben zu halten.

Gruppe vier besteht wieder aus einer unvollständigen Gruppe. “Wir machen mal, ja? Ist aber bestimmt scheiße.” Auch hier wird ein Wikipedia-Artikel abgelesen. Die Mädels giggeln, kichern, schlagen die Hände vor den Mund. Sie verlieren die Zeilen beim Lesen. Eine Schülerin nimmt schließlich den Finger zur Hilfe und fährt die Zeilen beim Lesen nach. Es scheint, als hätten sie sich erst am Vorabend den Artikel ausgedruckt, sich aber nur oberflächlich damit beschäftigt. “Wir hätten ja noch Bilder gemacht, aber Drucker ging nicht.”

Der Rest findet die Referate “voll schön”. “Hätten wir nicht besser machen können.”

Ich finde die Referate zum größten Teil schrecklich. Ich frage mich, was die denn die ganze Zeit gemacht haben? Immerhin hatten sie auch Unterrichtszeit zur Vorbereitung. Wieso kann man nicht mal auf einem Zettel nachschauen? Sich an formale Vorgaben halten? Die Themen haben sie sich aussuchen dürfen, die Gruppen wurden nach Interesse gebildet. Ich bin in den Arbeitsphasen rumgegangen, habe Tipps gegeben, mir Arbeitsergebnisse zeigen lassen. Wo sind die geblieben?

Einige kommen am Ende zu mir: “Frl. Rot, hätten die nicht heute auch noch Handouts haben müssen?” “Alle sollten die Handouts abgeben, auch Sie.” “Echt, haben Sie nicht gesagt. Wir dachten, wir sind nicht dran.”

“Das steht doch alles auf dem Arbeitsblatt!” “Hätten Sie doch sagen müssen.” “Hätten Sie einfach mal nachschauen müssen.” “Pfff, ich schwör, hab ich gestern gemacht. Steht da nicht.” “Aber wir waren da, nicht wie die anderen. Müssen wir mindestens eine Zwei für kriegen!”

Ehrlich: Ich mag Referate nicht.

Mitten im Leben

Die schreckliche 12b ist in dieser Woche in einer Freiarbeitsphase. Sie sollen nächste Woche in Gruppen präsentieren. Da ich weiß, wie unwahrscheinlich Gruppentreffen in der Freizeit sind, habe ich großzügig drei Doppelstunden zur Verfügung gestellt.

Die Gruppen sitzen also in diversen Räumen zusammen und ich patrouilliere.

Im Klassenraum sind zwei Mädchengruppen geblieben: Eine Gruppe nur mit “Ausländern” (so bezeichnen sie sich selbst) und eine “gemischte” Gruppe.

Im Computerraum sitzen zwei Jungsgruppen, in der Mensa zwei weitere.

Anfangs bleibe ich im Klassenraum. Die Gruppen arbeiten recht zügig, ab und an entwickeln sich kurze private Gespräche. Das ist auch so in Ordnung. Da ich direkt neben ihnen sitze, bekomme ich natürlich die Gespräche mit.

“EY, VALLAH, schwör ich, ist voll HARAM!”, Nesrin kriegt sich gar nicht ein. “Spinnst Du? Ist nicht haram!”, hält Tugba dagegen. “DOCH!”, Nesrin schafft es, die Lautstärke noch einmal höher zu schrauben. “Mädels, etwas leiser bitte!”, mahne ich. “Frl. Rot, Sie wissen sicher!” “Mmh, was denn?”, ich bin nicht voll bei der Sache, denn ich zähle gerade die Fehlstunden. “Kannst Du nicht machen! Kriegst Du voll Stress, vallah!”, kreischt Büsra.

“Sus, tamam mι?!” Mir reicht es jetzt. “Was ist los? Warum geht das nicht leiser?”  Stille. Wenn man sie auf türkisch anmeckert, funktioniert das immer. “Abo, Frl. Rot…!”, Nesrin versucht es noch einmal, nur etwas kleinlauter. “Haben Sie Sex während, na, Sie wissen schon?” Alle drei schauen mich erwartungsvoll an. Au Backe. Das ist eine der Fragen, die man vorsichtig beantworten muss, weil das garantiert innerhalb von Sekunden in der ganzen Schule rum ist. “Mmh, das muss jedes Paar für sich selbst entscheiden. Die Frau muss das ja auch wollen. Und der Mann auch. Wenn es beiden gefällt?” “Ha, sag ich doch!”, meint Nesrin zufrieden. Tugba dagegen hat noch Einwände: “Abo, Frl. Rot, das…” “Tugba, an die Aufgaben, los!”, unterbreche ich sie.

Dann mache ich meinen ersten Rundgang. Die Gruppen in der Mensa arbeiten an ihren Laptops und hören parallel über Kopfhörer Musik. Ich setze zufrieden meinen Weg Richtung Computerraum fort.

Dort angekommen, lausche ich kurz an der Tür. Die Jungs sind etwas laut, aber das ist noch erträglich. Ich öffne die Tür ganz leise und schaue kurz auf die Bildschirme: Facebook, ICQ und diverse Spieleseiten sind offen. Ich schließe die Tür wiederum ganz leise, nur um sie dann laut aufzustoßen. “Hi!” Alle zucken zusammen und klicken hektisch die Fenster weg. Wie lustig!

“Dann lassen Sie mal sehen. Wie weit sind Sie?” Ich sehe spärliche Ergebnisse. “Und jetzt zeigen Sie mir mal, was Sie wirklich gemacht haben. Facebook? Spiele? ICQ?” Wie zur Bestätigung ploppt auf Fynn-Lucas Monitor eine Instant Message von “dirty_sexy_92″ auf. Fynn-Lucas Name ist “dj-fynnluc-91″. Er klickt die Message weg und scheint ein wenig peinlich berührt zu sein.

“Jungs, ein bisschen nebenher zu surfen ist in Ordnung, aber nicht die ganze Zeit. Auch die Arbeitsphase ist Teil der Bewertung.” Ich bleibe noch ein bisschen im Raum, Vertrauen ist gut, Kontrolle manchmal besser. “HA! Ich hab Sie gefunden!” Fynn-Luca ist wieder auf Facebook. Mein Profil erscheint auf seinem Monitor. Mehr als meinen Namen und mein Profilbild sieht er aber nicht. “Was soll denn das? Da sieht man ja nichts.” “Tja, Fynn-Luca, ich habe das absichtlich so eingestellt. Nur meine Freunde können mehr sehen.” “Blöd, echt jetzt.” “Nee, vernünftig!”, erwidere ich. “Haha, schauen Sie mal.” Sie zeigen mir ein Video von einem Hamster, der aussieht wie ein Panda. Ein Stimme singt dazu: “Panda macht nomnomnomnomnomnom.” Sie klatschen sich vor Lachen auf die Schenkel.

Zurück zu den Mädels im Klassenraum. Aus zwei Gruppen ist eine geworden. Ich höre Satzfetzen: Polizei … Jugendamt … Gericht … Zwangsehe … Mulatten.  Mulatten?

“Frl. Rot, stimmt das? Mulatte ist ein Schimpfwort?” “Ja, schon.” “Nicht für mich”, meint Florence. “Ich bin ja eine, ich darf das sagen.” Die meisten Mädchen können mit dem Wort gar nichts anfangen. Florence erklärt: “Ich bin ein Mischling. Meine Mutter ist südamerikanisch, mein Vater weiß. Und ich hab den belgischen Pass.” “Ach, bist Du auch Plastikdeutsche? Ich auch”, erwidert Barika. Ich komme nicht mehr mit. “Plastikdeutsche? Was heißt das denn?” “Ist doch voll einfach, Frl. Rot. Wir haben deutschen Pass, aber Herz und Familie ist in anderes Land.” Jetzt verstehe ich. “Nein, ich bin Belgierin”, korrigiert Florence. “Haben Sie denn auch mal in Belgien gelebt?”, frage ich nach. “Nein, den Pass habe ich nur wegen meiner Mutter. Ich bin in Deutschland geboren und habe noch nie woanders gelebt.” Migrationskinder haben manchmal eine höchst erstaunliche Vita.

“Frl. Rot, Florence hat gesagt, sie würde niemals einen Schwarzen heiraten.” “Stimmt!”, bestätigt diese. “Wissen Sie, schwarze Frauen sind dominant. Die verprügeln auch andere Frauen.” “Wie jetzt?”, fragt Bianca. “Wenn eine schwarze Frau einen schwarzen Mann mit einer weißen Frau sieht, verprügelt die Schwarze die Weiße. Die verprügelt auch den Mann, wenn es sein muss. Und schwarze Männer haben immer weiße Frauen, weil die sich so leicht lenken lassen. Und umgekehrt. Und Mulatten wie ich werden auch verprügelt.”  Ich versuche noch, ein bisschen Klarheit in diese Aussagen zu bekommen, scheitere aber.

Dann erzählt Bianca von ihrer Mutter, die von  diversen Versandhäusern gesperrt wurde, weil sie die Waren nicht bezahlt hat. Und davon, dass ihre Mutter dann mit  Biancas Daten bestellt hat und Bianca damit verschuldet hat. Bianca verklagt jetzt ihre Mutter. Die Familie spricht nicht mehr mit ihr, denn sie betrachten Biancas Verhalten als Verrat. Sie will ausziehen, aber das Jugendamt unterstützt sie nicht.

Yasmin berichtet, dass ihre Eltern sie in den letzten Ferien verheiratet hätten. Ihr Mann sei ihr Cousin und soll nun nachkommen. Sie ist verängstigt, berichtet von der Hochzeit und der anschließenden gemeinsamen Zeit mit ihrem Mann: Gewalt und Vergewaltigungen. Hilal umarmt sie mit den Worten “Ich auch.” Ich schicke beide sofort zur Schulsozialarbeiterin.

Nun gehen auch bei den anderen Mädchen die Herzen auf. Ich lasse sie erzählen, denn sonst bleibt im regulären Betrieb nur wenig Zeit dafür. Ist auch ganz gut, dass die Jungs nicht dabei sind.

Ich erfahre, dass bei einem Mädchen alle Familienmitglieder nur zuhause sitzen, niemand geht arbeiten. Sie wird dafür verhöhnt, dass sie zur Schule geht. Manchmal hat ihr Vater einen Wutanfall und zerreißt ihre Schulsachen. “Und Bücher sind so teuer, Frl. Rot.” Bei einer anderen stehen Gerichtsverhandlungen an, bei anderen sind Geschwister/Eltern schwer erkrankt. Franca und Nicole gehen nach der Schule fast Vollzeit arbeiten, damit die Familie überhaupt Lebensmittel kaufen kann, weil Hartz IV verjubelt wird. Esma pflegt ihren Vater. Sheima kümmert sich um ihre vier jüngeren Geschwister, weil die Eltern im Schichtdienst arbeiten. Und wenn dies länger dauern würde, dann müsse sie zuhause bleiben und sich um die Geschwister kümmern. Das kommt in letzter Zeit häufig vor. Die Eltern haben kaum Verständnis dafür, dass Sheima pünktlich zur Schule muss. Franca und Melanie nicken, sie kennen das.

Viele haben schon jetzt in jungen Jahren ein Päckchen zu tragen, das mir den Atem verschlägt. Es erklärt vieles. Die 12b wirkt auf einmal viel weniger schrecklich.

Dann kommen die Jungs zurück. “Frl. Rot, wie macht der Panda?” Und alle singen im Chor: “Panda macht nomnomnomnomnomnomnomnomnom!”

Ehrlich, RTL. “Mitten im Leben” ist ja sowas von untertrieben.

Facebook-Freundschaften zwischen Schülern und Lehrern

In einem Kommentar wurde ich darum gebeten, einmal meine Sicht zu Facebook-Freundschaften zwischen Schülern und Lehrern darzustellen. (Übrigens empfinde ich das Wort “Freundschaft” in diesem Zusammenhang als falsch, nutze es aber, da es der Facebook-Sprechweise entspricht.)

Das, was ich hier beschreibe, stellt lediglich meine eigene Sichtweise dar. Ich finde, jeder muss für sich selbst den passenden Weg wählen. Für den einen ist es in Ordnung, mit Schülern “befreundet” zu sein, der andere hält lieber eine “professionelle Distanz” ein. Ich halte beide Wege für legitim, habe mich aber für die Mischvariante “Facebook-Freundschaften mit Schülern und professioneller Distanz” entschieden.

An meiner früheren Schule standen schueler.cc und wkw hoch im Kurs. Bei wkw habe ich meinen Klarnamen genutzt, bei schueler.cc nicht. Grund hierfür war Cyber-Mobbing in meiner Klasse über die schueler.cc. Es war es leichter, die Einträge als “Nicht-Lehrer” einsehen zu können, da es einen speziellen Lehrer-Account damals noch nicht gab. Der nette Nebeneffekt bei der Aufklärung dieses Mobbing-Falls war dann, den Schülern anhand “meines” Profils zeigen zu können, dass nicht alles und schon gar nicht jede Person im Internet echt ist.

Bei wkw richteten die Schüler dann sogenannte “Gruppenräume” ein, zu denen ich auch eingeladen wurde. Dann entdeckten die Schüler Facebook und alle anderen social networks wurden uninteressant. Facebook ist einfach, relativ unkompliziert und bietet eine Menge Abwechslung, alleine schon durch die Spiele und die Fotofunktionen. Google+ ist für die Schüler (noch) uninteressant, weil es zu personalisiert ist und weniger Spielmöglichkeiten bietet.

Ich bin bei Facebook mit meinem Klarnamen angemeldet und nutze es sowohl privat als auch dienstlich. Ich habe keinen zweiten Account für die Schule, da mir dies zu umständlich ist. Ich stelle aber immer wieder fest, dass Facebook niederschwelliger in Bezug auf die Kontaktaufnahme zu sein scheint.

Es gibt (noch) keine amtlichen Vorgaben für den Umgang von Lehrern mit Facebook-Freundschaften. Manche Schulen haben für sich Leitlinien formuliert. So gibt es teilweise die Pflicht, sich als Lehrer ein zweites Profil für schulische Zwecke einzurichten. Anderen Schulen ist es egal, wieder andere verurteilen Facebook-Freundschaften zwischen Schülern und Lehrern.

An meiner Schule gibt es keine Vorgaben. Deswegen habe ich für mich einige Regeln aufgestellt (keine Rangfolge, sondern so, wie sie mir beim Schreiben in den Kopf kommen):

  1. Schüler adden Lehrer, niemals umgekehrt! Die Entscheidung, mit einem Lehrer bei Facebook befreundet zu sein, liegt ausschließlich bei dem Schüler. Nicht jeder will mit seinem Lehrer außerhalb der Schule befreundet sein. Nicht jeder will sehen, was sein Lehrer so alles postet. Nicht jeder will, dass der Lehrer alles sieht. Ich finde, man bringt Schüler in einen Konflikt, wenn man sie added. Was denkt der Lehrer, wenn ich die Anfrage ablehne? Kriege ich dann schlechte Noten? Oder nehme ich an, obwohl ich das eigentlich nicht will? Das ist ein No-Go!
  2. Absolute Offenheit über meinen Umgang mit Facebook! Meist werde ich von Schülern gefragt, ob ich bei Facebook bin. Ich antworte dann natürlich mit “ja”. Einige fragen dann, ob sie mich adden können. Ich antworte immer, dass ich jede Freundschaftsanfrage (Ausnahme: siehe Punkt 10) annehme, aber die Schüler sofort auf einer Liste landen, sodass sie von mir außer den allgemeinen Infos nicht viel zu sehen bekommen. Umgekehrt kläre ich sie aber auch darüber auf, dass ich durchaus ihre Postings gegen sie nutzen werde, wenn es z.B. um starke Verstöße gegen die Schulordnung geht. Da ich bereits einmal einen solchen Fall hatte, wird der auch immer hübsch wiedergegeben, damit klar ist, was ich meine. (Es ging dabei um Stalking und Dokumentenfälschung.)
  3. Listen nutzen! Ich habe verschiedene Listen eingerichtet (Familie, Freunde, Schule), die unterschiedliche Sichtbarkeits-Einstellungen haben. Postings über Korrekturen im Sinne von “sitze schon wieder an Korrekturen” müssen meine Schüler nicht sehen. Meine Familie und meine Freunde dürfen das aber. Auch umgekehrt macht das Sinn.
  4. Liste für Eltern einrichten! Es gibt immer mehr Eltern, die mit den Lehrern ihrer Kinder befreundet sein wollen. Auch das lasse ich zu, aber sie landen auch sofort auf einer Liste. Außer meinem Namen sehen Eltern gar nichts von meinen Aktivitäten bei Facebook, haben aber eine Kontaktmöglichkeit mehr. In diesem Zusammenhang auch wichtig: Deutlich machen, dass man nicht sofort auf Nachrichten über Facebook reagiert! Bevorzugtes Kommunikationsmittel ist immer noch das Telefon!
  5. Keine Antworten auf Schüler-Postings! Ich antworte nie auf Schüler-Postings. Auch wenn Nicole schreibt, dass sie den neuen Twilight-Trailer gesehen habe und ich den auch ganz toll finde. Oder wenn Nikolai schreibt, dass er mal wieder keinen Bock auf Schule habe. So sehr ich dann auch versucht bin, da zu kommentieren: Das sind deren private Äußerungen, die ich einfach nicht zu kommentieren habe.
  6. Keine Antworten auf Eltern-Postings! Grund: s.o. Auch die Einblicke, die man bekommt, muss man ignorieren. Ich hatte mal einen Vater in der Klasse, der seiner Tochter zum 14. Geburtstag eine Fotocollage gebastelt hatte. Dazu hatte er mehrere Bikinifotos seiner Tochter auf ein Playboy-Cover gephotoshopt und bei Facebook für alle öffentlich hochgeladen. Dem hätte ich gerne was dazu gesagt, aber…
  7. Datenschutz beachten! Auch für Lehrer gilt der Datenschutz! Zensuren, Schülerdaten, Informationen die man eindeutig einer Person zuordnen kann, etc. haben dort nichts zu suchen. Gilt auch für die Facebook-Gruppen. Oder für Blogs. Die Datenschutzbestimmungen der einzelnen Länder findet man hier: klick
  8. Ambiguitätstoleranz! Alle bei Facebook gesehenen Dinge darf man nicht (auch nicht zu positiv oder zu negativ) bewerten und – im schlimmsten Fall – auch noch in die Notengebung mit einfließen lassen. Wer das nicht kann, sollte die Finger davon lassen!
  9. Schüler nicht von sich aus anschreiben! Ich schreibe Schüler nicht bei Facebook an. Wenn ich etwas zu klären habe, dann kann das bis zum nächsten Unterricht warten. Gilt auch für Eltern, die rufe ich dann an.
  10. Facebook-Freundschaften erst ab der Oberstufe! Die Facebook-Nutzer werden immer jünger, Mindestalter für die Anmeldung hin oder her, das kann man ja locker umgehen. Da ich das Alter aber kenne, nehme ich solche Facebook-Freundschaften nicht an. Das wissen meine Schüler aber auch.
  11. Gelöschtes ist nicht gelöscht! Bei allem, was man bei Facebook macht, muss man immer daran denken, dass auch Gelöschtes nicht wirklich gelöscht ist. Wer das mal austesten will: Man kann bei Facebook seine gespeicherten Daten anfordern. Weiteres dazu findet sich hier: klick (Ich habe das mal gemacht und muss sagen: erschreckend!)
  12. Informationen müssen alle erreichen! Informationen müssen alle Schüler einer Klasse erreichen. Es geht nicht, z.B. einem Schüler etwas zur bevorstehenden Klausur zu schreiben mit dem Zusatz “Sie geben das dann weiter”. Das funktioniert meist nicht. Hier muss man genau überlegen, welche Informationen in die Schule und welche in die Facebook-Kommunikation gehören!
  13. Kommunikation speichern! Bei allem, was ich schulisch auf Facebook mache, fertige ich eine Sicherungskopie (Screenshot, Ausdruck) an. Hört sich erst einmal ein bisschen paranoid an, hat sich in dem oben beschriebenen Fall aber als sinnvoll herausgestellt.
  14. Markierungs-Funktionen ausstellen! Wer nicht von Schülern auf Bildern oder Orten markiert werden will, sollte diese Funktion abstellen. Unsäglich, diese “Tanja befindet sich mit Celine und Markus hier”-Geotagging-Funktion.
  15. Über social networks aufklären! Geht z.B. prima hiermit: “Take this lollipop” (klick). Ich habe hier bereits darüber geschrieben: klick
  16. Klarnamen benutzen! Man bietet eine Angriffsfläche, wenn man z.B. als “Superman Bühle” angemeldet ist.
Mit Sicherheit habe ich noch den ein oder anderen Punkt vergessen, ggf. werde ich dann aktualisieren. Ich empfinde das Thema als durchaus schwierig und stelle mit vor, dass es für männliche Lehrer noch viel schwieriger sein dürfte.
Diese Punkte haben sich bei mir im Laufe der Jahre als sinnvoll erwiesen. Leider gibt es kaum Fortbildungen zu diesem Thema, man wird während des Referendariates auch nur unzureichend darüber aufgeklärt. Das sagen zumindest meine Referendare.
Grundsätzlich sollte man jegliche Grenzverletzung vermeiden! Es ist absolut inakzeptabel, Facebook oder andere Platttformen zu benutzen, um Schüler(innen) zu missbrauchen.

Lesenswerte Artikel zu diesem Thema:

  • Markus Böhm: “Die Regeln der Freundschaft”. In: Spiegel online, 29.11.2011. klick
  • “Stolperfalle Internet”. In: Spiegel Online, 25.01.2012. klick
  • Rosa Winkler-Hermaden: “Wenn Lehrer und Schüler Facebook-“Freunde” werden”. In: derStandard.at, 01.03.2011. klick
  • Frauke König: “Facebook & Co: Freundschaft zwischen Lehrern und Schülern?” In: news4teachers.de, 06.04.2012. klick

So sieht´s aus…

Ohne viele Worte. Kursliste im Jahrgang 11.

Foto

Take this Lollipop – wie offen ist Dein Facebook?

Heute beim Kollegen Klinge vom Halbtagsblog (klick) gefunden: Take this Lollipop.

Der Regisseur Jason Zada hat einen personalisierten Facebook-Film gedreht. Geht der User auf diese Internetseite (klick) und erlaubt der Seite Zugriff auf seine Facebook-Daten, so startet ein Horrorfilm, der den eigenen Facebook-Account einbindet. Auch der Spiegel hat darüber berichtet:  klick

Handlung:Ein Bösewicht nutzt Facebook, um sein nächstes Opfer auszusuchen. Im Film wird dann das eigene Profil und auch die eigenen Bilder auf dem PC des Bösen gezeigt.

Hat man seine Privatsphäre-Einstellungen richtig eingestellt, dann bleiben viele Stellen des Film einfach weiß, da diese Daten nicht eingebunden werden können.

Interessant sind hierbei die Möglichkeiten, die sich für die Schule ergeben. Bei den meisten (meiner) Schüler sind die Türen bei Facebook weit geöffnet. Über die Geo-Tagging-Funktion ist man jederzeit darüber informiert, wo sich jemand gerade befindet, so z.B. die Schülerin, die den ganzen Tag im Bett verbracht hat:

Genauso erfährt man, wann die Eltern in Urlaub sind und man sturmfreie Bude hat. Fatal dabei ist, dass manche Schüler so viele “Freunde” haben, dass sie zwangsläufig jeden Überblick darüber verlieren müssen. Die immer in der Presse erscheinenden, fast unkontrollierbaren Facebook-Partys stellen nur einen Aspekt dar.

Gesehen habe ich auch schon Luftaufnahmen der Stadtteile, auf denen viele User sich und ihren Wohnort verlinken. In Kombination mit Statusmeldungen wie “fahren jetzt in Urlaub” ist das fast schon eine Einladung.

Genauso wird über Lehrer gelästert, versucht, an Klausuren zu kommen (wieder schön zu sehen bei Kollege Klinge: klick, da brauche ich nicht meine Festplatte zu durchsuchen, ich habe auch so Screenshots), und und und.

Ich persönlich nutze gerne Facebook. Viele Freunde leben in anderen Städten/Ländern, und Facebook stellt neben Skype ein hervorragendes Kommunikationsmittel dar.

Ich bin auch mit vielen Schülern dort “befreundet”. Bis jetzt hat es nur einen ernsten Zwischenfall gegeben (dazu an anderer Stelle mehr, der betreffende Schüler wurde der Schule verwiesen), ansonsten respektieren zumindest meine Schüler die virtuelle Grenze, die sie selber zu mir setzen. Ich adde niemals einen Schüler von mir aus. Bekomme ich eine Freundschaftsanfrage, nehme ich diese jedoch an. Ich arbeite aber mit den Facebook-Listen, sodass nicht jede meiner Statusmeldungen (wenn ich denn mal welche schreibe) für meine Schüler sichtbar ist.

Facebook hat auch viele Nachteile (Datenschutz, etc.), und ich denke, man kann mit dem Film “Take this  lollipop” zumindest kurzzeitig sensibilisieren. Ich werde nächste Woche mit meiner Klasse in den PC-Raum gehen und sie bitten, mal auf die Seite TakethisLollipop.com (Link siehe oben) zu gehen. So wie ich die Meute einschätze, werden alle ohne nachzudenken die Einbindung ihres Facebook-Profils erlauben.

Ich bin gespannt auf die Reaktionen.

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