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Spicker 2.0

Klausuraufsicht in einer mir unbekannten Klasse. Laut Plan eine 10.

Der Kollege hat mir netterweise einen Sitzplan auf das Pult gelegt, damit ich auch die Namen zuordnen kann. “Glaub mir, Du wirst es brauchen!”, flüstert er mir noch zu , bevor er den Raum verlässt.

Ich packe also meine Sachen aus und stelle mich dann in eine Ecke neben der Tafel. Beobachte die Klasse. Im Sekundentakt werden die Köpfe gehoben, um zu schauen, wo ich bin. Und ob ich gucke.

Ich ändere meine Taktik und stelle mich an die hintere Wand, sodass die Schüler mich im Rücken haben. Erfahrungsgemäß ist ihnen das dann zu auffällig, denn sie müssten dann ja die Köpfe in meine Richtung drehen. Den Sitzplan habe ich mitgenommen.

Kurze Zeit später: “Marco, Musti – erste Verwarnung.” Beide sind empört: “Ey, haben wir voll nichts gemacht, ich schwör.”, ruft Marco. Musti, ebenso empört: “Sie können von hinten gar nicht sehen, ey!” Ich: “Keine Diskussion.”

Es wird wieder ruhig. Ich bleibe hinten stehen und entdecke fünf Spicker, die einkassiert werden. Einer hinter der Banderole einer Flasche, auf Etikett gephotoshopt (was für eine Arbeit!), einer unterm Schuh, zwei im Etui. Den letzten entdecke ich auf einem Plakat versteckt, das an der Wand neben der Tafel hängt.

Außerdem höre ich so ein merkwürdiges Hintergrundgeräusch, als ob jemand seinen MP3-Player anhat. Ich gehe durch die Reihen und versuche das Geräusch zu lokalisieren. Bei einem Mädchen mit Kopftuch bleibe ich stehen. Von ihr kommt das Geräusch. Ich schaue sie mir ganz genau an: Unter dem Tisch hat sie nichts versteckt, es führt kein Kabel von der Tasche zu ihrer Hose. Sieht alles total unauffällig aus. Kopftuch eben, die Variante mit Unterkopftuch, damit die Haare nicht rausrutschen können. Trotzdem höre ich das Geräusch. Ich blicke mich verwundert um, bis mein Blick den einer anderen Schülerin trifft. Sie zeigt kurz auf die Schülerin, tippt sich an die Ohren und konzentriert sich dann wieder auf ihre Klausur. Meint die das wirklich ernst?

Ich beuge mich zu der Schülerin hinunter. Und siehe da: Das Geräusch wird lauter. Ich sehe allerdings immer noch nicht die Quelle, da ihr Kopftuch die Ohren vollständig bedeckt. Ich überlege kurz, ob ich das darf (warum lernt man so etwas nicht im Referendariat?) und entscheide mich dann spontan für “ja”: “Könnten Sie mir bitte mal eben ihr Ohr zeigen und das Tuch anlupfen?” Sie hört mich nicht. Wie auch, wenn meine Vermutung stimmt. Ich tippe sie an. Sie schaut mich an, verständnislos. Ich mache meine 08/15-Geste, die bedeutet, die Kopfhörer rauszunehmen.

Zum Glück fällt sie darauf rein und ich muss mir nicht überlegen, ob ich in irgendeiner Weise in ihre Persönlichkeitsrechte oder ihre Religionsfreiheit eingreife, wenn ich um Freilegung der Ohren bitten würde. Sie greift also unter ihr Kopftuch und siehe da – dort baumeln Kopfhörer. Ich grinse. Aus den Hörern kommt ein “Wo bist Du? Kannst Du mich hören?” Aha, sie hat also eine Souffleur. Flatrates sei Dank. “Oh, hab ich voll vergessen”, versucht sie sich rauszureden. Wie zur Bestätigung folgt ein “Hast Du Lösung für zweite Aufgabe mitgeschrieben?” Keine Chance, Täuschungsversuch ist Täuschungsversuch. Das war es dann. Die Klausur ist weg, die Schülerin darf mit Begleitschreiben zur Schulleitung.

Während dieser kleinen Episode haben Marco und Musti versucht, ihre Chance zu nutzen. Habe ich nicht gerade bewiesen, dass ich gut hören kann? “Marco, Musti, einer von Ihnen setzt sich für den Rest der Klausuren nach vorne an den Einzeltisch.” “Habe nichts gemacht”, ruft der eine. “Der war es”, ruft der andere. “Keine Diskussion. Sie haben zwei Möglichkeiten: 1. Einer von Ihnen setzt sich sofort nach vorne. 2. Beide Klausuren werden wegen Täuschungsversuch eingesammelt.” Sie schauen sich an, dann kommt Marco mit seinen Sachen nach vorne. “Voll die Erpressung, ey.” Schnellmerker, denke ich mir.

Die nächsten zehn Minuten vergehen ohne Störung. Dann aber hängt Marco mit seinem Kopf fast auf dem Heft des Nachbarn. “Marco, das war es dann für Sie. Dritte Ermahnung. Die Klausur können Sie mir dann jetzt abgeben.”

“Oh, echt jetzt. Sie sind voll krass drauf. Was kann ich dafür, wenn Sie gucken?”

Wir haben irgendwie schlauer gespickt.

Und wenn wir erwischt wurden, haben wir uns wenigstens ein bisschen geschämt.

Irgendwie falsch…

Shania ist endlich mal wieder im Unterricht anwesend. In den letzten zwei Wochen habe ich mich jede Stunde auf das Gespräch vorbereitet, das ich mit ihr wegen ihrer Täuschung (klick) führen muss und will. Leider war sie nie da. Nun ist die Zeugniskonferenz vorbei, die Noten stehen fest und Shania ist wieder da.

“Shania, bleiben Sie bitte nach der Stunde noch da? Wir müssen noch was besprechen.” Sie nickt mir zu. Ihre Klausur hat sie kurz vorher entgegen genommen, ohne mit der Wimper zu zucken.

Der Unterricht läuft gut, und schneller als erwartet ist die Stunde rum.

Shania versucht, im Strom der Schüler unterzutauchen und den Raum zu verlassen. “Shania!” Sie dreht sich um und schaut mich vorwurfsvoll an. Ich bin dabei, ihr kostbare Minuten zu stehlen. “Setzen Sie sich doch bitte. Ich glaube, Sie müssen mir da noch was erklären.”

“Nee.”

“Doch. Ich möchte, dass Sie mir das erklären. Und vor allem interessiert mich: Haben Sie das auswendig gelernt oder haben Sie mir die Blätter untergeschoben?”

“Untergeschoben.”

Über Ein-Wort-Sätze kommen wir anscheinend nicht hinaus.

“Wie lange haben Sie gebraucht, um alles aus dem Internet zu schreiben?”

“Zwei.”

“Zwei was? Zwei Minuten, zwei Stunden, zwei Tage?”

“Stunden.”

Das ist anstregend. Aber ich gebe nicht auf, weil mich das wirklich interessiert. “Und warum? Hatten Sie Angst, dass Sie die Klausur nicht schaffen? Haben Sie nicht gelernt?”

“Nein. Sie haben mir auf Zeugnis 4 gegeben. Warum?”

Interessante Wendung. “Ja, weil Ihre Teilleistungen keine 5 rechtfertigen.”

“Aber andere Lehrer hätten gefälscht, wissen wie ich meine?”

Ich rechne ihr die Noten noch einmal vor.

“Ja, aber Sie hätten bei SoMi was anderes schreiben können. Machen andere Lehrer auch.”

“Shania, ich ändere Noten aber nicht einfach so. Die 4 ergibt sich auch aus den Noten, die Sie vor der Täuschung hatten. Alles andere wäre nicht fair.”

“Habe ich aber 6 verdient.”

“Die haben Sie für die verpatzte Klausur auch bekommen.”

“Meine Zeugnis 6.”

Sie besteht darauf, dass ich alle anderen Noten nicht hätte berücksichtigen dürfen. Nur die geschummelte Klausur dürfe zählen. Ich komme da irgendwie nicht weiter.

“Als mir Beraterin gesagt hat, 4 in EW, da war doppelt peinlich.” Sie sieht  nicht aus, als ob sie peinlich berührt sei.” Sie schafft es allerdings, dass ich mich mies fühle, weil ich alle ihrer Teilleistungen bei der Bildung der Halbjahresnote berücksichtigt habe. Hätte ich ihr doch einfach die 6 gegeben.

Am Ende des Gespräches weiß ich zwar, wie sie alles im Internet gefunden hat und warum sie auch in einem anderen Fach auf die gleiche Art getäuscht hat. Auch, dass sie die Klausur mehrere Schulstunden selbst bearbeitet hat und dann am Ende die Blätter ausgetauscht hat.

Ich weiß leider immer noch nicht, wie sie das gemacht hat. Und das “warum” habe ich auch nicht ergründet.

Ich muss dringend abgeordnet werden. Zum FBI oder zur CIA, eine Schulung in Verhörtechnik machen.

Schlechte Laune

Ich habe schlechte Laune. Richtig schlechte Laune.

Da wollte ich abends “noch mal eben” den Rest der Klausuren korrigieren, und dann macht mir Shania aus der 12a einen Strich durch die Rechnung. Na herzlichen Dank auch. Sie ist nämlich am Klausurtag sehr kreativ mit ihrer Klausur umgegangen.

Sie hat bei der häuslichen Vorbereitung einfach mal Google bemüht, im Vorfeld viele tolle Sätze von diversen Internetseiten abgeschrieben, das Ganze schön auf mehrere Blätter geschrieben, dabei (soweit das bei handschriftlichen Abschriften geht) das Layout der Vorlage übernommen und alles dann als Klausur abgegeben. Ich habe keinen blassen Schimmer, wie (mir) so etwas durchgehen konnte.

Entsprechend habe ich die halbe Nacht damit verbracht, alles zu dokumentieren und alle Arbeiten noch einmal zu überprüfen. Und siehe da: Ich finde bei den Nachschreibeklausuren, die ich bis dato noch nicht gelesen hatte, ebenfalls ein bisschen Trickserei.

In einem Fall wurde ein kompletter Wikipedia-Artikel auswendig gelernt, inkl. Rechtschreibung, Grammatik  und Absätzen, und dann einfach runtergeschrieben. Allerdings wurde das Ganze noch mit Zitaten des Klausurtextes gespickt, sodass durchaus eine gewisse Eigenleistung vorhanden ist. Auch wenn der Großteil der  inhaltlichen Ausführungen nicht mit  meiner Aufgabenstellung übereinstimmt.

Im zweiten Fall wurde ein bisschen subtiler vorgegangen, aber auch hier finde ich meine Tafelbilder und diverse Internetquellen. Wörtlich in den Klausurtext eingebunden.

Sieht schon ein bisschen lustig aus. Ganze fehlerfreie Abschnitte in Hochsprache stehen Abschnitten gegenüber, die im Schnitt zehn orthografische Fehler pro Zeile haben, diese Abschnitte sind dann in breitester Umgangssprache formuliert.

Ich bin sauer, gehe ins Bett und kriege immerhin noch dreieinhalb Stunden Schlaf.

Am nächsten Morgen rege ich mich im Lehrerzimmer dann weiter auf. “Die 12a macht vielleicht einen Scheiß! Die haben mich um meine Nachtruhe gebracht!” Ich zeige die Beweise herum. Die Reaktionen der Kollegen sind vielfältig: Verständnis (“Das war bestimmt nur ein Missverständnis!”), Ernüchterung (“Hatte ich auch schon, kann man nun mal nichts gegen machen.”) bis hin zu totaler Kontrolle (“ICH nehme die Hefte immer vor der Klausur mit nach Hause und stemple die mit immer wechselnden Motiven!”).

Fehlender Schlaf und nicht genügend Koffein tun bei  mir ihr übriges. “Shania hat gemogelt! Die hat die ganze Arbeit vorgeschrieben und dann so getan, als hätte sie das während der Klausur geschrieben!” “Ach, wie bei mir  in Deutsch”, meint Kollege Muth. “Ja, Du musst mal dringend mit ihr reden. So geht das doch nicht.” Das werde ich tun. Mit Sicherheit. Und dann wird die 12a mal richtig eingenordet.

In der ersten Pause überlegen wir, welche Ausreden wohl kommen werden. Herr Muth meint, “wahrscheinlich hat sie die Klausurblätter versehentlich eingepackt”. Frau Birken setzt darauf, dass Shania beteuern wird, dass sie wirklich alles erst während der Klausur geschrieben hat. Herr Merina schlägt vor, dass dann sofort zu testen, denn das wäre ja ein Talent. Und wenn das weiterhin unerkannt bliebe… Ich hingegen glaube, dass Shania nicht da sein wird.

Bereits auf der Treppe zum Klassenraum werde ich von Sebastian und Dimitrij abgefangen. “Ey, Klausuren?” “Mmmh”, knurre ich, “von Ihnen haben drei Mist gebaut. Ich bin sauer. So richtig sauer!” Sebastian stutzt: “Echt, nur drei fünfen? Krass, das ist besser als die letzte Klausur!” Er erblickt die anderen und brüllt quer durchs Treppenhaus: “Geil, nur drei fünfen.” Also ob es im Treppenhaus und im Flur ein Echo geben würde, höre ich, wie sich diese “Neuigkeit” verbreitet.

Im Klassenraum muss ich dann erst einmal diese gute Nachricht zunichte machen. “Nein, nicht nur drei fünfen. Drei von Ihnen haben geschummelt und ich hab´s gemerkt. Fünfen gab´s acht oder neun, so genau weiß ich das gerade nicht.”

Michelle und Cheyenne schauen sich wissend an. Aha, das muss ich mir merken. Die Klasse ist sehr still, alle wollen wissen, was passiert ist. Ich erkläre, wie geschummelt wurde, warum mir das Schummeln aufgefallen ist und was nun die Konsequenzen sind. Schulleitergespräch. Abhmahnung. Und so weiter.

Dimitrij kommentiert: “Wie kann man so blöd sein? Ich hab mir die fünf ehrlich verdient, haha.” Tom meint, “ey, wissen eh alle, wer gemeint.” Irem findet sogar, dass “die Klausur doch voll fair war, vallah!”

Einige fordern verschärfte Sicherheitsmaßnahmen. Als ich vorschlage, in der nächsten Woche gemeinsam mit der Klasse einen Strafkatalog erarbeiten zu wollen, jubeln viele.

Shania ist leider nicht da. Krank sei sie. Voll schlimm, wie mir Ayse versichert.

Nachmittags setze ich mich an den Rechner und gehe bei Facebook online. Die 12a diskutiert virtuell weiter. Auch Shania hat was gepostet.

“leudzz, mir isda was passierd, voll krass, glaub mir niemand is aba wahr. hab der Rot meine lehrnzeddels abgegebn. haha.”

Er kam, schrieb und ging.

“Ich versteh´ das nicht. Echt nicht!”, kreischt Irem. Beifälliges Gemurmel.

Ich setze also zur dritten Wiederholung und Erklärung der Aufgabenstellung an. Für den Bruchteil einer Sekunde gerate ich ins zweifeln, ist doch zu schwer, die Klausur. Dann werde ich wieder realistisch. Leistungskurs. LEISTUNGSkurs! Klasse 12! Die müssen das hinkriegen, haben die anderen Klassen doch auch geschafft. So schwer ist das nicht, eher unterste reproduktive Schiene. Wenn das meine ehemaligen Fachleiter sehen würden, dann …. würden die mir nachträglich noch das Zweite Staatsexamen aberkennen. Und das Erste gleich mit dazu.

“Skizzieren Sie das deutsche Bildungssystem und nehmen Sie abschließend Stellung zu der Frage, wie sich das deutsche Bildungssystem positiv verändern könnte.”

Irem kreischt immer noch. “Versteh´ ich nicht. Das ist doch voll ätzend, echt jetzt. Sie sind so gemein! Außerdem: Skizzieren? Soll ich da malen oder was? Hab´ doch gar keinen Bleistift dabei.” An der nachfolgenden Reaktion der Klasse merkt man ihre Heterogenität: Die eine Hälfte nickt zustimmend, die andere stöhnt auf.

Ich versuche es noch einmal: “Skizzieren heißt, einen Sachverhalt, eine Situation, einen Vorgang, eine bestimmte Person in groben Zügen, nur auf das Wesentliche beschränkt, zu beschreiben.”

Irem zuckt mit den Schultern: “Ja und, das Thema ist mir doch egal! Was interessiert mich das Schulystem?” “Irem, nach allem, was wir im Unterricht besprochen haben [klick], sollten Sie eine Meinung dazu haben.” “Das ist mir egal!” Ich habe keine Lust mehr auf diese Diskussion und meine: “Wenn Sie dann fertig sind, können Sie ja abgeben. Aber stören Sie die anderen nicht.”

Irem schaut mich böse an und kaut auf ihrem Kuli rum.

Ich schaue mich in der Klasse um. 29 Schüler stehen auf der Liste, 23 sind anwesend.

Lisa teilt mir noch schnell mit, dass Faruk es nicht geschafft habe, “er hat verschlafen” und dass er sich ein Attest besorgen würde. Manche Informationen muss ich einfach nicht haben, denke ich.

Dimitrij liegt seit dem Austeilen der Klausuraufgaben mit dem Kopf auf dem Tisch.

Einige haben regelrechte Mauern aus Nahrungsmitteln, Stofftieren und Taschentüchern um sich herum aufgebaut, sodass sie kaum noch Platz zum schreiben haben.

Ein paar Mädchen haben sehr kurze Röcke an, da friere ich schon  beim Ansehen. Außerdem sitzen sie alle breitbeinig auf ihren Stühlen, sodass ich von meinem Sitzplatz ungewollte Einblicke erhalte.

Zehn Minuten später liegt Dimitij immer noch auf dem Tisch. Er hat weder in die Aufgaben und Texte geschaut, noch einen Satz geschrieben.

Dafür hat aber Michael seine Kappe vom Tisch auf den Boden geworfen und versucht seit einiger Zeit, diese mit den Füßen zu erreichen. Dabei macht er Geräusche wie die Tennisspieler beim Wimbledon-Finale (“uh, pff, ah”).

Ein paar haben die Texte fertig gelesen und fragen nach Wörtern, die unbekannt seien und die ich nicht erklärt habe: Weltanschauung, emanzipatorisch, Willensbildung, Elite, Entmündigung, ausmerzen.

Nach 45 Minuten geht die Tür auf und Sebastian erscheint zur Klausur. “Oh, zu spät? Ey, Dimitrij, Michael, habe ich da so ne Alte aufgerissen! Gestern in Disko. Voll geil, ey!” Dimitrij und Michael drehen sich um und wollen Einzelheiten hören. Ich gehe dazwischen und platziere Sebastian an meinem Pult.

Dimitrij fängt nun an zu lesen.

Michelle schreibt fünf Zeilen, macht dann drei Minuten Pause, schreibt fünf Zeilen, macht drei Minuten Pause….

Bei meinen Kontrollgängen kassiere ich mehrere Mäppchen ein, wische ein paar Kritzeleien vom Tisch und entferne mehrere Flaschenetiketten. Überall sind Spicker drauf. Einer wurde sogar hinter den Vorhang geklebt.

Niemand nutzt ein Schmierblatt (Konzeptpapier), nur die wenigsten haben die Texte strukturiert. Textmarker? Randbemerkungen? Fehlanzeige. Im Vorbeigehen sehe ich mehrfach, dass auswendig Gelerntes einfach hingeschrieben wird. Ist doch egal, ob das zur Aufgabenstellung passt oder nicht. Hauptsache, viele Seiten.

Zweimal gehe ich an ein klingelndes Handy. “Frl. Rot von der Häschenschule. Guten Tag. Sie wünschen?” “Was machen Sie am Handy meines Sohnes?” “Oh, guten Tag Frau Müller. Ihr Sohn schreibt gerade eine Leistungskursklausur und kann nicht ans Telefon.” “Ja, das weiß ich. Das mit der Klausur.” “Warum rufen Sie ihn dann an?” “Ich muss mit ihm reden.” “Tut mir leid, das geht gerade nicht.” “Dann rufe ich den Schulleiter an und beschwere mich.” “Tun Sie das. Und grüßen Sie ihn von mir.”  Das sind Dialoge, die man in Hollywood wegen fehlender Realitätsnähe ablehnen würde.

50 Minuten nach seinem Erscheinen meldet Sebastian, er sei fertig und gibt eine Din A4-Seite voller Kritzeleien ab. “Haha, er kam, schrieb und ging.” Mit diesen Worten rauscht er aus dem Raum.

Kurz darauf meint Dimitrij, er sei fertig und die Klausur sei voll einfach gewesen. “Gar nicht mein Niveau, Frl. Rot. Viel zu viel Zeit, ey.”

Ein paar der Mädchen berühren mit der Nasenspitze beim Schreiben fast das Papier.

Irgendwann ist die Klausur zu Ende. Ich sammle alles ein. Einige verlassen fluchtartig den Raum, Paul und Emre bleiben aber vorne stehen und wollen mir erzählen, was sie alles geschrieben haben. “Und, ist das richtig?” “Ach, lassen Sie mich doch erst einmal Ihre Klausur lesen, ja?”, versuche ich zu vertrösten. “Wie viel Seiten sind denn gut?” Nöö, nicht schon wieder diese ätzende “Wie-viele-Seiten-bringen-eine-2″-Frage. “Sie wissen doch, man kann auf ein paar wenigen Seiten richtig gute Sachen schreiben, oder auf vielen nur Blödsinn schreiben. Das kann ich so pauschal nicht sagen.”

“Ach, weißt Du, Paul”, meint Emre, “das sehen wir ja morgen, wenn wir die Klausur zurückbekommen.”

Freu´dich doch!

Manchmal denke ich ja, dass ich im falschen Film bin. So auch am Mittwoch. Denn Mittwoch  hatte ich Kloaufsicht.

An meiner Schule gibt es pro Quartal mehrere Klausurblöcke, in denen die Klausuren zentral organisiert geschrieben werden. Das sorgt dafür, dass ganze Flure zu Prüfungsfluren umgewandelt werden, inkl. geschlossener Flurtüren (die sind sonst immer auf) und Warnschildern (und Selbstschussanlagen). Alle nicht betroffenen Schüler und Lehrer werden in andere Räume umdirigiert und an jedem sensiblen Punkt im Gebäude stehen die Wachhabenden.

Ich habe auch Wachdienst, die sogenannte “Kloaufsicht”. Ich stehe im Flur vor der Toilette Wache, damit die Prüflinge a) die richtige (bewachte) Toilette aufsuchen und nicht z.B. eine Etage tiefer gehen, wo sie außer Sicht (und damit außer Kontrolle) sind und b) auf dem Weg zur Toilette nicht doch ein nicht abgegebenes Handy zücken.

Es ist kalt, es gibt keinen Tisch und so stehe ich mir 90 Minuten die Beine in den Bauch. Die erste halbe Stunde ist es verhältnismäßig ruhig, ich muss nur ein paar Mal vorbeigehende Schüler zur Ruhe mahnen.

Dann wird es plötzlich laut, fast schon tumultartig. Mehrere Stimmen tönen über die Flure, es scheppert und knallt. Innerlich genervt (Können die nicht lesen? Die Schilder mit “Pssst, Ruhe, Klausur, Prüfung” sind echt nicht zu übersehen!) mache ich mich Richtung Krach auf, um zu meckern. Und was sehe ich? Handwerker, die sich an den Lampen im Treppenhaus zu schaffen machen. Genau neben dem Prüfungsflur. Ich gehe also zu den Herren und bitte sie freundlich, etwas auf ihre Lautstärke zu achten. “Na sicher, Fräulein, machen wir.” Ich sage “danke” und drehe ab.

Keine fünf Minuten später ist es wieder schrecklich laut. Wieder die beiden. Bevor ich aber dorthin kann, muss ich mich noch um einen Prüfling kümmern, der aus dem Prüfungsraum kommt, das Handy zückt und lautstark nach den binomischen Formeln fragt. Anschließend kümmere ich mich um die Handwerker. “Entschuldigen Sie bitte”, sage ich höflich, “nebenan werden wichtige Prüfungen geschrieben und ich hatte Sie doch schon gebeten, etwas leiser zu sein.” “Ich war das doch nicht”, empört sich Handwerker eins, “das waren die anderen.” Leider komme ich nicht mehr zu einer Antwort, denn jemand patscht mir mehrfach auf den Allerwertesten. “Tschuldigung, lassen Sie mich mal durch?” Ich fange an zu schimpfen: “Haben Sie mir gerade an den Po gefasst? Sind sie noch ganz dicht?” Der Typ zwinkert mich an, meint lässig “na, konnte ich mir doch nicht entgehen lassen” und zwickt mir erneut in den Po. In mir kocht es, unter normalen Umständen würde ich jetzt ja…. aber: Wir stehen neben den Prüfungsräumen. Ich kann ja jetzt schlecht Theater machen.

Zum Glück kommt in diesem Moment Herr Hampel den Gang entlang. “Na, was musste ich denn da gerade sehen?”, fragt er die Handwerker. Na Gott sei Dank, freue ich mich, der Typ kriegt jetzt einen Einlauf.

Herr Hampel ist empört: “Sie haben den Müll nicht getrennt und Ihre Kaffeebecher samt Deckel in die Restmülltonne geworfen!”

Ich entscheide, keine Szene zu machen, spreche ihn aber kurz darauf in einem weniger öffentlichen Rahmen darauf an. “Du, Herr Hampel, der Kerl hat mir doch echt mehrfach an den Hintern gefasst.”

Herr Hampel zwinkert mir zu: “Freu´ Dich doch. Wenn die Kerle nicht mehr hinter Dir her pfeifen oder Dir an den Hintern fassen, dann musst Du Dich beschweren!” **)

**) Nachtrag:

Natürlich hat Herr Hampel dann noch ein ernstes Wort mit den Handwerkern geredet. 

Handy = Täuschungsversuch

Heute also die Klausur in der 12.

In unserer Schulordnung steht, dass sogar das Mitbringen von Handys zur Klausur bereits als Täuschungsversuch gewertet wird.  Die meisten Kollegen mildern das etwas ab, in dem sie die Handys auf dem Pult sammeln. Wenn es dann klingelt vibriert, ist es nicht ganz so schlimm. Klingelnde Handys, die nicht abgegeben wurden, werden  konsequent als Täuschungsversuch gewertet.

“Guten Morgen!”

Gemurmel, niemand hört zu. Alle sind hektisch damit beschäftigt, noch ein letztes Mal in die Mitschriften zu schauen, vielleicht bleibt ja doch noch etwas mehr hängen.

Ich ziehe die Fingernägel über die Tafel. Es wird still.

“Wer von Ihnen hat ein Handy dabei?”

“Och, nee, echt jetzt?” “Sie sind ja voll krass drauf, ey!” “Und wenn einer meins mitnimmt?” “Ja, ey, dann machste den endkrass fertig!!”

Es nutzt nichts, ich bleibe standhaft. “Sie kennen die Regeln, also, Handys auf mein Pult. Bitte auf lautlos stellen.”

Ich habe im Vorfeld mit einer Kollegin gewettet. Darüber, wie viele Handys nicht auf lautlos gestellt würden und darauf, wie oft eine SMS/Anruf kommen würde.

11.00 Uhr: Start der Klausur

11.10 Uhr: Das erste Handy – von Tom – klingelt. “Mama calling” steht drauf. (Häh? Weiß Toms Mama nicht, dass der Junge gerade in einer Klausur sitzt? Was bitte ist so wichtig, um während der Schulzeit anzurufen?) Fachmännisch stelle ich das Handy auf lautlos.

11.12 Uhr: Ich ermahne die ersten wegen Abguckens.

11.15 Uhr: Drei weitere Handys haben SMS empfangen. Irem bekommt folgende Nachricht: ” is das klausur schwer” Ein iPhone, zum Glück. Die haben eine Wippe an der Seite, um sie lautlos zu stellen.

11.20 Uhr: Der erste starrt Löcher in die Luft.

11.20 Uhr: Toms Mama versucht es wieder. Vielleicht ist ja was passiert, denke ich.

11.25 Uhr: Irem bekommt erneut eine SMS: “eeeeeey  warum andwortesste nich hab ich gefragt  is schwe”

11.30 Uhr: Toms Mutter versucht es zum dritten Mal. Ich überlege, ans Handy zu gehen und mit Toms Mutter zu sprechen.

11.35 Uhr: “Dürfen wir die Pause durchschreiben?”

11.40 Uhr: Marius erhält die SMS: “alder, ziehen wir gleich nochne bong?”

11.45 Uhr: Toms Mutter schickt eine SMS: “Tom, Du hast Deine Jacke nicht mit. Deine Mutter.” (Kein Scherz!)

11.50 Uhr: Irems Freund/in (kann ich nicht entziffern) wird sauer: “eey weisse  kannst michmal.”

11.52 Uhr: Die ersten geben ab. Damit verschwinden auch einige der nervtötenden Handys.

12:30 Uhr: Ende der Klausur. Das offizielle Ergebnis lautet: 12 verpasste Anrufe, 27 SMS.

Die Kollegin und ich haben beide die Wette verloren.

Ich habe nicht abgeschrieben. Ich habe recherchiert!

Montag im 12er LK Deutsch. Am Ende der Stunde liegen viele schriftliche Ausarbeitungen von Schülern auf meinem Pult. Der Kurs hat darum gebeten, dass ich Hausaufgaben zur Korrektur mitnehme. Ich freue mich, denn dieser Kurs ist lernwillig. Die haben Biss, denke ich mir.

Dienstag. Ich schaue mir die ersten zwei Bearbeitungen an, von den beiden Strebern, wie ich sie insgeheim nenne. Die Hausaufgaben sind gelungen. Sehr gutes sprachliches Ausdrucksvermögen, sehr gute Analyse mit Einarbeitung der Epoche und Biografie des Autors und sogar ein wirklich guter Gegenwartsbezug. Klasse, denke ich.

Mittwoch. Ich schaue mir das “Mittelfeld” an, denn dafür brauche ich immer länger und neuerdings sogar Ruhe beim Arbeiten.  Viele Rechtschreibfehler, angemessene bis mäßige Analyse. Gegenwartsbezug durchwachsen, von Epochen und Autorenbiografie nichts zu sehen. Nun gut, denke ich, die kriegen den Dreh noch.Ist ja noch früh im Schuljahr.

Donnerstag. Toms Arbeit habe ich gestern nur überflogen. Heute sehe ich mir die Hausaufgabe noch einmal genauer an. Tom hat erkannt, welches Metrum vorliegt. Er hat das Wort sogar richtig geschrieben. Merkwürdig, im Unterricht hat der doch nie eine Ahnung, welches Metrum da im Text vorliegen könnte. Ich werde misstrauisch und werfe den Computer an (Google ist für Lehrer echt ein Segen).  Ich brauche nur den ersten Satz eingeben, schon werde ich fündig. Tom hat einfach mal per copy&paste den gesamten Text übernommen. Um nicht aufzufallen, hat er ein paar Sätze an andere Stellen gezogen (dummerweise wird dadurch aber der Sinn verändert), den Namen des Autors anderes geschrieben und die Formatierung geändert. Ich drucke mir den Originaltext aus, zücke einen Textmarker und markiere in beiden Texten die identischen Stellen. Von Toms ursprünglichen zwei Din A4-Seiten bleiben vier Zeilen übrig, die er nicht geklaut hat. Na warte, denke ich.

Freitag. Ich habe mir überlegt, Toms Strategie öffentlich zu machen. Natürlich ohne seinen Namen zu nennen. Ich setze auf den erzieherischen Effekt der Empörung der Restklasse. Ich spreche also das Wort zum Sonntag, halte Original und Fälschung hoch (Toms Arbeit ist getippt, die Handschrift kann ihn also nicht verraten) und schaue die Klasse ganz böse an. Es wird still. Alle versuchen, den Übeltäter zu entlarven. “Frl. Rot, wer war das denn? Also ich würde das niemals machen.”, sagt Streber 1. Streber 2 nickt zustimmend und setzt noch einen drauf: “Da lernt man dann ja gar nichts!” Tom versucht, ganz unauffällig zu schauen. Gelingt aber nicht.Ich sage, dass ich niemanden outen würde, die Klasse aber bitte zur Kenntnis nehmen solle, dass ich a) mit dem PC umgehen könne und b) die einschlägigen Webseiten kennen würde.

Nach der Stunde zitiere ich Tom unter einem Vorwand zu mir. “So, Tom. Ich hätte gerne eine Erklärung.” “Ja, Frl. Rot, das war ganz anders, wie Sie meinen.” Aha, denke ich mir. Das wird interessant, welche Ausrede kommt nun? “Also, Frl. Rot. Ich habe den ganzen Tag gearbeitet. In dem Geschäft, wissen se? Und da musste ich andauernd Kunden bedienen. Und nebenbei habe ich an der Hausaufgabe geschrieben. Und dann hab ich recherchiert, und irgendwie ist der Text dann in meinem Text gelandet. Echt, ich wollte gar nicht abschreiben. Andere machen das doch auch, da is doch nix dabei!” Ich versuche, ihm die Konsequenzen deutlich zu machen. Geistiger Diebstahl und so.Ich stoße auf Granit.

KT lässt grüßen.

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