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Well done!

Montage. Es sind immer die Montage. Nach zwei Wochen Schulabstinenz (Krankheit und Fortbildung) bin ich heute morgen wieder auf dem Weg zur Schule.

Bereits am Hauptbahnhof quatschen mich die ersten beiden Schüler an. Merkwürdig, denn sonst sehe ich dort nie meine Schüler. “Frl. Rot, haben wir heute EW? Nee, oder? Wir haben alle Mathe mit!” (Wegen der Raumnot haben wir einen Wochenplan, die fünfstündigen Kurse laufen jede Woche vierstündig und alle zwei Wochen dann sechsstündig.)

“Wir haben eine ungerade Woche, also haben wir EW.”

“Nein! Wir haben doch alle Mathe mit!” Wie die beiden noch vor dem Unterricht festgestellt haben, dass alle 34 Mathe dabei haben, ist mir schleierhaft. “Wissen Sie was, wir klären das nachher.”

Ich setze meinen Weg zur Schule fort. Insgesamt wird mir diese Frage noch sechsmal gestellt. Ich schaffe es mit Müh und Not bis zur Tür des Lehrerzimmers. Dort werde ich gleich umringt. “Sie? Aber wir haben doch Mathe!”

Ich protestiere: “Lassen Sie mich doch bitte erst einmal ankommen, die Jacke ausziehen und dann sehen wir weiter.”

“Aber, …!”, “Meine Hausaufgaben, die sind zu Hause!”, “Sie haben gesagt, wer die Hausaufgaben nicht hat, der kriegt eine 6″. “Frl. Rot, mein Heft ist zu Hause!” “Kann ich das nachreichen? Nächste Woche oder so?” Alle schreien aufgeregt durcheinander.

“Nochmal: Wir können das bestimmt gleich alle klären. Haben Sie denn keinen Wochenplan bekommen?” “Nein!”, “Nee, was ist das?”

Ich vertröste die Gruppe, verspreche den Wochenplan zu kopieren und gehe zu meinem Fach.

Das quillt über: Entschuldigungen, mehrere uralte Materialordner aus den 1970er Jahren (“musst Du Dir unbedingt kopieren, ist tolles Material drin”), Beihilfebescheide, Telefonnotizen und und und…

Dann die erste Stunde. Die anwesenden 24 Schüler haben eine Lautstärke! Man bemerkt die fehlenden Schüler (10!) gar nicht. Alle sind besorgt, denn sie haben anscheinend wirklich alle Mathe mit. Ich verteile den Wochenplan.

Natürlich haben alle auch die Aufgaben nicht bekommen, die ich für die Vertretung an die Schule gemailt habe. Also ist improvisieren angesagt.

In der ersten Pause erlebe ich meine ganz eigene Version von “Täglich grüßt das Murmeltier”. Wieder stehen Schüler vor mir, die den Wochenplan nicht bekommen haben, die dachten, sie hätten ein anderes Fach als meins, die natürlich auch die Materialien/Hausaufgaben/Hefter nicht mithaben. Auch hier improvisiere ich mich und die Schüler durch die Doppelstunde.

In der zweiten Pause: Und täglich grüßt das Murmeltier. Dieses Mal grüßt es aus der 12a.

Hier sind aber (zum Glück) noch ein paar Gruppenarbeiten zum Thema “Gehirnfunktionen” offen. Die Folien habe ich zum Glück nach der letzten Stunde mitgenommen, wohlwissend, dass sie ansonsten im Nirwana gelandet wären.

Wir klären alles wichtige: “Warum waren Sie so lange weg?” “Hatten Sie keine Lust?” “Well done!” “Haben Sie Party gemacht?” “Anderer Lidschatten? Steht Ihnen!” “Geile Hose, wo ist die her?” “Well done!”

Dann gebe ich den Gruppen 15 Minuten Zeit, um sich noch einmal die Texte anzuschauen und die Arbeitsergebnisse ins Gedächtnis zu rufen. Zwischendurch höre ich, wie in einer Gruppe immer “well done” gesagt wird.

Die erste Gruppe beginnt. Der Vortrag ist akzeptabel.

Dann kommt Irem: “Ey, ich mach dann mal. Weiß aber nix.” Michael ruft: “Well done!” Irem liest den ersten Teil der Folie vor. Wieder kommt ein “well done” aus ihrer Gruppe. Jetzt frage ich aber doch nach: “Was soll das denn immer mit diesem `well done´?” “Haha”, meint Irem, “kann ich doch kein Englisch. Hab ich heute gelernt, well done!”

“Ja, und was heißt das?”

“Mir doch egal, klingt gut, nee? Well done, Frl. Rot!”

“Irem, das heißt so viel wie `gut gemacht´!”

“Haha, sag ich doch. Well done.”

“Irem, wenn Sie das so toll finden, sollen wir dann die Stunde auf Englisch fortführen?”

Irem ist entsetzt: “Nö! Kann ich nicht. Mach ich mal weiter. Also, und dann gibt es das Gedächtnis für lang und das für kurz. Und dann noch was, was ich nix weiß. Dafür krieg ich bestimmt nen Minuspunkt. Nix well done.” Irem grinst mich an.

Irem wird von ihrer Gruppe gefeiert. “Geil gemacht, voll gut!” “Ja, well done!” Gelächter. Das fängt an, lästig zu werden.

“Leute, den nächsten, der ständig well done sagt, schmeiße ich raus.”

“Genau. Well done, Frl. Rot”, stimmt mir Michel zu. Ach, so ein Mist. “Michel, sorry. Sie werden dann wohl mal kurz frische Luft schnappen gehen.”

Das sitzt.

Wir können im Laufe der Stunde tatsächlich in Ruhe klären, wie das menschliche Gehirn funktioniert, welche Gedächtnistypen es gibt und wie man besser lernt. Kein “well done”.

Dummerweise vergleicht eine Gruppe kurz vor Schluss dann die Wirkung von Dopamin mit der von Heroin und Kokain. Das ist zwar nicht grundsätzlich falsch, aber der Zusammenhang wird falsch dargestellt. Es folgt eine Diskussion ungeahnten Ausmaßes. “Frl. Rot, ich kenne einen, der kifft vor Klausuren immer. Und dann schreibt der nur Einsen.” Und Cheyenne meint, “ey, von Hasch wird man doch voll schlau.” Selbst Nikolai wird jetzt wach: “Frl. Rot, Sie haben doch auch schon, nee?”

“Was habe ich schon, Nikolai?”

“Ach, Sie wissen schon.”

“Nö. Weiß ich nicht.”

“Na, gekifft. Sie haben doch studiert. Alle Studenten kiffen.”

Oje. “Nein, habe ich nicht. Noch nie, übrigens.” Nikolai findet das “voll langweilig”. Anna meint hingegen: “Nee, ist doch voll schlau.”

“Genau”, stimmt Vincent zu, “well done, Frl. Rot!”

Sie haben doch nichts am Kopf!

“Und weißte, hust, chrrm, was der dann echt zu mir gesagt? Chrmm, hust.”

Es ist früh am Morgen. Ich bin beim ersten Kaffee. Mein Freund Klaas meckert am Telefon. Ich verstehe nicht alles, weil Klaas´ Redeschwall ständig von Hustenanfällen unterbrochen wird. Klaas ist ebenfalls Lehrer, leider an einer anderen Schule. Wir haben zusammen das Referendariat überlebt.

“Nee, was denn?”

Chrmm. Ja, ob ich denn Vertretungsaufgaben chrrm schicken könnte. chrmm Vertretungsaufgaben! chrmm Ich bin krank! Hört chrmm der hust das chrmm nicht hust?”

[Der besseren Lesbarkeit wegen lasse ich ab hier die husts und chrmms weg. Der geneigte Leser stelle sich das Hustenkonzert bitte vor.]

“Ja, aber wahrscheinlich muss der das fragen, Klaas.”

“Weißte, wer sich schön passend zu den Abschlussprüfungen eine neue Hüfte hat einsetzen lassen? Na? Na? Na? Und wer keine Aufgaben schicken konnte?”

“Der Stellv?”

“Genau der. Die drei Wochen bis zu den Sommerferien hätte er ja wohl noch warten können. Aber nein. Da musste er ja wieder fit sein. Der Urlaub und so. Und ich Doofmann lege mir meine Arzttermine außerhalb des Unterrichts! Und dann bin ich einmal krank. Und dann so eine Unverschämtheit.”

“Ja, und was hat er nun gesagt?”

“Ich könnte ja … ich könnte ja sowas von ausrasten. Ich geh zum Lehrerrat!”

“Das hat er gesagt? Glaub ich nicht.” Mal ein bisschen den Skeptiker machen. Klaas regt sich dann immer so schön auf.

“Nimmst Du mich bitte mal ernst? Ich bin k r a n k und werde ungerecht behandelt!!! Hab ich Dir eigentlich schon erzählt, was der der Katharina gesagt hat? Unverschämt!”

“Mmmh.” Ich brauche mehr Kaffee.

“Die hat sich vor kurzem auch krankgemeldet und da hat er ihr gesagt, ´Frau Katharina, Sie sind krank? Gestern bei der Konferenz schienen Sie doch noch so fit!` Frechheit. Und er hat schon eine Verwarnung vom Lehrerrat bekommen. Der ändert sich nicht!”

Nun gut. Ich bin ja auch der Meinung, wer krank ist, ist krank. Der gehört ins Bett und nicht an den Schreibtisch. Ich wurde bis jetzt auch immer gefragt, “und, Ideen für die Vertretung?”

Dann habe ich mich pflichtbewusst an den Schreibtisch gesetzt und Texte abgetippt/eingescannt (was ich ja eigentlich gar nicht darf, Digitalisierung und Copyright und so). Meistens kostet mich das einige Zeit, weil ich eben nicht alles digital vorliegen habe. Der “normale” Unterricht bereitet sich irgendwie leichter vor.

Das Ganze maile ich dann an die Schule.

Nur um hinterher festzustellen, dass a) die Klasse doch frei hatte, b) der Kollege den Vertretungsplan nicht im Fach gesehen hatte, c) die Klasse nach einem Blick auf den Vertretungsplan blau gemacht hat oder d) irgendetwas anderes schief gelaufen ist. Noch nie, wirklich nie (!) konnte ich mich darauf verlassen, dass meine Aufgaben die Schüler erreichen. Wie oft bin ich schon in die Klasse gekommen in dem Glauben, sie hätten die Vertretungsaufgaben gemacht, und wurde angeschaut wie ein Auto.

Mein Fazit: Ich lasse es. Ich weiß, an deutschen Schulen gibt es zu viele Ausfallstunden. Aber wenn ich mich mal krank melde, dann habe ich auch was. Dann geht es mir nicht gut. Meist habe ich Fieber und einen Kopf, der sich anfühlt wie komplett in Watte gepackt. Natürlich muss man da auch konsequent “nein” sagen können. Eine Freundin vertritt vehement die Theorie, das Nachfragen sei so eine psychische Hürde, um Spaß-Krankmeldungen zu verringern.

“Frl. Rot, wie findest Du das?” Oh Mist, ich bin abgeschweift. Jetzt habe ich die Pointe nicht mitbekommen.

“Sag noch mal.”

“Und dann hab ich gesagt: `Ich kann nicht kommen, ich bin krank.´ Und dann hat er gesagt: `Vertretungsaufgaben?´Und ich wieder: `Ich bin krank, das geht nicht.´Und dann er: `Sie können doch noch sprechen. Also haben Sie nichts am Kopf und können noch denken!´”

Ich muss zugeben, der Spruch von Katharina war irgendwie krasser. Aber trotzdem. Ich pflichte Klaas bei, schließlich will ich ihn demnächst anrufen können. Die Berge von Klausuren, die dann hier liegen werden … !

Klaas meckert noch ein bisschen weiter, irgendwann ist mein Kaffee alle und Klaas´Stimme auch.

Muss ich den Telefonhörer eigentlich desinfizieren?

Nicht das Klaas mich ansteckt. Dann müsste ich ja in der Schule anrufen und … ach, lassen wir das.

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